Wenn die eigene Lebenswelt erschüttert wird – Teil 1

Krisen erhöhen die Komplexität schlagartig. Wird ohne eine individuelle Krisensituation die Komplexität erhöht, dann gelingt die Bewältigung einer solchen Situation meist mit ‚Vertrauen‘. Als Beispiel dafür kann die Lebenslage eines berufstätigen Paares angesehen werden, das parallel zum Beruf ein Haus baut. Schnell wachsen die Informationen von und über Gewerke zu einem Berg an Details heran, denen die Bauherren nur dadurch herabregeln können, indem sie den von ihnen beauftragten Handwerkern Vertrauen schenken. Geschieht dies anfänglich ohne hinreichende Prüfung der erwarteten Kompetenzen, durch Gutgläubigkeit oder auch durch ein naives Verständnis der Themen, so kann dies im Fiasko enden. Ist jedoch – präventiv – ein gutes Maß an Einschätzung des Könnens entwickelt worden, so kann nun das gerechtfertigte Vertrauen zur Verringerung der individuellen Lasten genutzt werden.

‚Auf was kann ich noch vertrauen‘ –  dieser Satz spiegelt jedoch die Verzweiflung wider, wenn das Fiasko eingetreten ist, eine unerwartete, auf das eigene Lebensmodell zerstörerisch einwirkende Krise erlebt wird. Sicher ganz ‚falsch‘ ist die Reaktion, nichts und niemandem mehr zu vertrauen – so menschlich eine solche Reaktion auch sein mag und so verständlich sie zuweilen auch ist, bedenkt man, dass bei aller Katastrophe sich die Welt einfach weiterdreht und sich morgen schon die anfängliche Anteilnahme durch Dritte weitgehend aufgelöst haben kann oder abgelöst wird von einem Interesse an Themen, die den Schmerz des Einzelnen in den Hintergrund rücken lassen. Dass diese Form der Distanzierung an sich hilfreich ist, um durch sie die Selbstmotivationskräfte des Betroffenen anzuregen, wieder auf die Beine zu kommen, wird aus der Perspektive von Betroffenen zwar oft als beklagenswert, zu früh, zu kalt, zu unmenschlich empfunden. Dennoch: der soziale Prozess als solcher verhilft dazu, sich aus dem vom Brennglas der Krise geworfenen Licht zu entfernen und – wenn auch erst unscharf – wieder die Konturen der ’noch heilen Lebensumgebung‘ sehen zu können.

Anmerkung: Wenn wir mit Menschen über ‚individuelle Krisenprävention‘ sprechen und sie darin beraten, dann verläuft dieser Prozess genau andersherum. Das ‚Brennglas der sicheren Gewohnheiten und des ‚das kann mir doch nicht passieren“  wird erweitert um die Konturen der möglicherweise ’nicht mehr heilen Lebensumgebung‘ und um den bestmöglichen Umgang mit ihr.

In der Unschärfe, die von betroffenen Menschen in Krisen zum Beispiel versprachlicht wird mit: ‚ich weiß nicht so recht, wie es weitergehen kann …‘, ‚mir fehlt die Phantasie, daran zu glauben, dass ich wieder Freude im Leben erfahren werde …‘, wird ein ’neues Nachdenken über sich‘ erforderlich. Wer bin und bleibe ich ‚trotz der Krise‘, welche Verantwortung gilt es nun für mich, zu übernehmen? Welche trotz oder durch die Krise entstandenen, neuen Strukturen können mir helfen, wieder Vertrauen zu schöpfen? Welche Strukturen sind nicht betroffen und können von mir genutzt werden und erhalten mir ein Gutteil an Berechenbarkeit? 

wird morgen fortgesetzt