Wenn die eigene Lebenswelt erschüttert wird – Teil 2

In der Unschärfe das Neue wahrzunehmen, es meist nicht mit Worten fassen zu können und dennoch auf dieses Neue zu vertrauen – das klingt solange utopisch, wie es keine Anknüpfungspunkte gibt, dieses Neue in die individuelle, kulturelle Tradition zu integrieren. Diese ‚Selbstkultur‘ des Menschen besteht aus einem einzigartigen Set an aufgebauten Beziehungen, Interessen, Bräuchen und Gebräuchen, Lernformen, Selbstverständlichkeiten, Distanzierung und Hingezogensein … diese Selbstkultur ist wie ein persönlicher Blumenstrauß, in dem bislang sich versteckende Pflanzen verbergen nun, durch eine Krise, eine neue oder erstmalige Sichtbarkeit erfahren können. Andere Blumen bleiben trotz ihrer erlebten Vergänglichkeit in Erinnerung, der ganze Strauß wird neu gebunden, einzelne Pflanzen erhalten einen neuen Platz – aus sich selbst heraus gewinnt der Strauß seine neue, vielleicht unerwartete, kreative aber nach wie vor auch der eigenen Tradition verpflichtete Form.

Eine Krise wird aus dieser Perspektive eine Krise der selbstkulturellen Tradition. Eines individuellen Straußes an Lebensblumen, den der Mensch in seiner Hand hält, ihn verantwortet, ihm nun Teile entrissen sieht und das verbleibende Gebilde in eine neue Form bindet, das anschlussfähig bleibt an die individuelle Selbstkultur.

Krisenprävention erhält aus dieser Sicht die Aufgabe, durch einen positiven Umgang mit dem eigenen Nichtwissen den Handlungsspielraum zu erweitern, der im Falle einer Krise es dem Menschen ermöglicht, seinen Lebensstrauß zeitnah handelnd neu zu binden, so dass gelingendes Leben weiterhin möglich bleibt. Und dies insbesondere deshalb, weil ‚zeitnahes Handeln‘ dazu einen Beitrag leistet, zu verhindern, dass verdorrt, was zum Erhalt der Selbstkultur wesentlich ist und bleibt. Eine mit dieser Absicht vollzogene präventive Arbeit in eigener Sache führt den Menschen zuerst in eine Phase des Nichtwissens – und hier vorrangig in eine Phase seiner von ihm bislang nicht oder unzureichend reflektierten Lebenswerte. Werden die Werte in dieser Phase ‚erhellt‘, so schließt sich an diese Selbsterkenntnis die Möglichkeit an, Handlungsweisen zu entwerfen, die dann greifen, wenn sich dem Verlauf des Lebens eine Krisensituation in den Weg stellt.