Lebenswerte – die Begleiter auf sinnvollen Wegen – 4

Das Geistige, die Person, das Gewissen – diese drei Kernelemente der Sinntheorie Viktor Frankls sind unmittelbar miteinander verbunden. Das eine ist ohne das andere aus dieser Perspektive nicht denkbar. Ein Mensch ist mit Geburt Person. Das Gewissen ermöglicht dem Menschen eine personale Stellungnahme. Es ist bildhaft gesprochen das Sinn-Organ [Frankl], mit dem ein Mensch in einer Situation das Sinnhafte erspürt. Für das Sinnhafte überhaupt empfänglich sein zu können, es intuitiv erfassen zu können, verdankt der Mensch dem Geistigen in ihm.

Ein Beispiel: Ein Mann liegt grippekrank im Bett, er fühlt sich schwach, ist verärgert, dass er seine Arbeiten nicht erledigen kann, die er sich vorgenommen hat. Er hadert mit der Welt, sein Kopf schmerzt, alles tut ihm weh, er will nur noch seine Ruhe haben. Die Psyche und der Körper des Mannes sind belastet, gleichzeitig und sich ‚psycho-somatisch‘ womöglich sogar gegenseitig verstärkend.

Nun geht die Türe auf, und die Tochter des Mannes steht in der Tür und fragt ihn, ob er ihr wohl eine Geschichte erzählen könne, weil sie sich alleine fühlt. Der Mann kann nun ‚Stellung beziehen‘ – entweder er überlässt seiner Psyche die Macht und schickt das Kind weg, vielleicht sogar mit einem Vorwurf oder aggressiv. Oder aber er erkennt in der Situation das sinnhaft zu Entscheidende. Mit dem was Frankl ‚das Geistige‘ nennt, vergisst der Mann seine Schmerzen und seinen Ärger, er wendet sich dem Kind zu, rät der Tochter, mit etwas Abstand zu ihm sich hinzusetzen und erzählt ihr eine Geschichte. Das Geistige stellt dieser Mann in dieser Situation über das Psychische und das Körperliche. Er lässt sich von seinen Schmerzen nicht alles gefallen. Die Freude des Kindes ist das Spiegelbild des ‚guten Gewissens‘, das der Mann haben kann. Und diese Freude wird zudem positiven Einfluss nehmen auf seine Genesung.

Im Gewissen entscheidet ein Mensch, wofür er jetzt verantwortlich ist, welchen Wert er jetzt realisieren will. Die Wirkung des Gewissens weist nach außen – hier auf das Kind. Aber auch die Wirkung nicht-gewissenhafter Handlungen und Entscheidungen weist nach außen. Daher ist ein Mensch jederzeit vor seinem Gewissen und für dessen Entwicklung verantwortlich. „In diesem unserem Zeitalter muss es sich die Erziehung angelegen sein lassen, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch das Gewissen zu verfeinern, sodass der Mensch hellhörig genug ist, um die jeder einzelnen Situation innewohnende Forderung herauszuhören“ [Frankl]

[wird fortgesetzt]