Theracoaching – Begleitung einer Führungskraft – Teil 2

Fortsetzung von gestern

Coach: Wie können Sie die Aussage über etwas machen, es sei hoffnungslos, wenn Sie andererseits sagen, Sie verstünden sich (noch) gar nicht?

B.L.: Erst wenn ich die Situation verstehe oder durch mein Gegenüber entsprechend reflektiert bekomme, kann ich vielleicht etwas ändern. Aber wenn mir nicht einmal mein eigenes Problem bekannt ist oder von jemanden anderen aufgezeigt wird, wie soll ich dann die Situation angehen und etwas ändern? Dies erscheint für mich so hoffnungslos.
Ich sitze fest in meiner Routine, in den sich immer wiederholenden Abläufen und funktioniere einfach nur – es fehlt an befriedigenden Momenten oder einfach an einer Herausforderung – wozu also das alles?

Coach: Wenn Sie sagen, Sie verstünden sich selbst nicht mehr, folgt daraus, dass Sie meinen, sich irgendwann einmal „verstanden“ zu haben – und jetzt nicht mehr …?
Könnten Sie einmal beschreiben, was sie seinerzeit „verstanden“,  wie sie sich „verstanden“ haben … und was heute anders ist als seinerzeit?

B.L.: Das will ich gerne versuchen, vielleicht hilft es mir weiter. Seit ich denken kann, hab ich gerne irgendwelche Probleme angepackt und gelöst. In der Schule galt ich als der Macher, der organisiert, sich für andere einsetzt, die Klappe aufmacht.  Die tieferen Gründe anzuschauen, warum etwas so ist wie es ist, hat mir schon damals sehr gelegen. Ich habe meist meinen analytischen Geist genutzt, habe gefragt, war offen für neue Perspektiven und Ansichten. Ich war ein guter Schüler.

Während meines Ingenieurstudiums kamen mir diese Fähigkeiten zu Gute. Mit 26 Jahren hatte ich das Studium für mich prima abgeschlossen, während des letzten Studienjahres meine zukünftige Frau kennen gelernt. Mit 27 kam unser Sohn Leyf zur Welt. Die neue Rolle als Familienvater und die erste Anstellung in einem technologisch führenden Mittelstandsunternehmen mit Übernahme einer Führungsrolle nach einem knappen Jahr waren für mich recht ambitioniert. Eine Pause zum Durchschnaufen war damals nicht in Sicht, aber da es anderen in meinem Umfeld nicht anders erging, sah ich das als eine Zeit an, die von etwas mehr Entspannung wohl bald abgelöst würde. Ich nahm mir meine Macherqualität zu Herzen und erhielt dafür einen guten Schuss Respekt und Aufstieg.

Nach einem Unternehmenswechsel (ich war damals 32 Jahre alt) ging es in einen internationalen Hightech-Vertriebsbereich. Reisen schlossen sich an. Meine Frau konnte sich nun auch ihren Interessen wieder mehr widmen, unser Sohn war in einem renommierten Internat gut aufgehoben. Mit 36 Jahren entschloss ich mich zu einem halbjährigen Sabbatical, um mit meiner Frau eine längere Reise zu unternehmen. Meine Schwiegereltern waren in dieser Zeit gerne die „Wächter“ über Sohn, Haus und Hund. Ich nahm mich damals entschlussfreudig, wach und weltoffen wahr. Da ging es mir ganz anders als jetzt. In den Folgejahren stieg ich dann auf in die weltweite Vertriebsleitung einer Produktlinie. In diesen Jahren ging richtig die Post ab. Ich war erfolgreich und auch schwierige Situationen konnte ich gut meistern.

Vor drei Jahren dann die Trennung meiner Frau von mir. Ich war sehr verletzt und getroffen. Mein Sohn, damals Ende 13, nahm es mit Fassung – meine Frau war „gut versorgt“ und ich hatte meine Arbeit. C’est la vie.Seit Anfang des Jahres bin ich einfach nur noch blutleer. Erschöpft. Psychisch wie physisch appetitlos. Leer.

Der Versuch, eine neue Beziehung einzugehen, scheiterte grandios. Wie ein pubertierender Jüngling erzählte ich der Frau meine „bunte“ Lebensgeschichte, versuchte auch nachts meinen Mann zu stehen, machte der Frau irgendwann in den zwei Wochen sogar Vorwürfe, warum sie sich nicht flotter entscheidet, ihr Leben mit mir zu teilen. Wie naiv. Schon das verstehe ich nicht, und seither ist alles nur noch fürchterlicher. Der Stecker ist draußen, mein Arzt hat mir Schongang verordnet, aber das soll mir mal jemand erklären, wie das gehen soll. Außerdem – wenn ich jetzt auch noch diesen Teil in den Sand setze, dann ist ja gleich gar nichts mehr da.  

wird fortgesetzt