Theracoaching – Begleitung einer Führungskraft – Teil 8

Coach: Den Fokus auf den besagten Satz „Man trennt sich nicht so leicht von mir“ habe ich gesetzt, weil mir „das Verlassenwerden“ das emotional am meisten aufgeladene Thema aus Ihrer davor liegenden Rede zu sein schien. Der Rest hat sich durch unser Gespräch ergeben, die gewonnene Erkenntnis ist IHRE Erkenntnis. Je mehr Ihnen etwas bedeutet, desto besser fühlen Sie sich, wenn Sie es haben und desto mehr schmerzt es, wenn Sie es verlieren.

Der wahrgenommene Schmerz ist ein Ergebnis Ihres Kampfes mit der Realität. Die Realität ist wie sie ist. Wenn Sie nun gegen sie ankämpfen, wissen Sie, dass Sie sich Schmerz erzeugen. Ich spüre, dass Sie meinen, dass dieser Kampf zweckdienlich für Sie ist, denn Sie fragen nach einer Richtschnur? Aber ist dieser Kampf auch sinnvoll?

Die Freiheit ist die, jetzt herausfinden zu können, was Sie selbst wirklich wollen, wo also der Sinn in Ihrem Leben liegt. Eine Antwort zu finden auf sinngemäß eine Frankl-Frage: „Auf welche Frage Deines Lebens bist DU die Antwort?“ Wenn Sie das herausgefunden haben, kann daraus eine neue Richtschnur werden. Vielleicht kommen Sie aber auch zu einer anderen Erkenntnis, dass Sie dann gar keine Richtschnur mehr benötigen – weil Sie sie sind.

B.L.: Gut, nun weiß ich zwar nicht wo es hinführt, aber ich will die Lebensfrage ‚Wovon gilt es, mich von mir selbst zu trennen?‘ anzunehmen. Eine solche Frage habe ich mir nie gestellt und ich weiß nicht so recht, wo ich da anfangen soll, um eine Antwort zu finden.

Coach: Ich schlage Ihnen dazu vor, einen Blick auf Ihr Wertesystem zu werfen. Die Werte eines Menschen gehören als fundamentale Prägungen zu seinem Selbstsystem. Wenn Sie wissen, worin Ihr Wertekanon besteht, dann wird es möglich sein, den Wert oder diejenigen Werte zu identifizieren, deren Einfluss auf Ihr ‚Selbstwertgefühl‘ kontraproduktiv sind oder geworden sind.

Herr L. nutzt unser Verfahren ’spontanes Werteempfinden‘ und erhält diese Rangreihenfolge von den von ihm identifizierten wichtigsten acht Wertekontexten:

  • Respekt bewirken, Prinzipien bewahren, Würde zeigen = +++
  • Wettbewerb fordern, Risiken eingehen, Qualität setzen = +++
  • Schnelligkeit einbringen, Dynamik zeigen, Wendigkeit fördern = +++
  • Pflicht erfüllen, Sorgfalt zeigen, Genauigkeit fördern = ++
  • Klugheit fördern, Besonnenheit zeigen, Weisheit leben = +
  • Kontrolle ausüben, Vorsicht zeigen, Achtsamkeit fördern = +
  • Internationalität leben, Vernetzung fördern, Perspektivenwechsel ermöglichen = +
  • Kontinuität bewahren, Sicherheit gewinnen, Stabilität erzeugen = +

Ich bitte Herrn L., diese Wertekontexte auf ihre Beiträge für die Gestaltung seines Privat- und Berufslebens hin zu untersuchen und zu markieren, welche Beiträge positiv und welche negativ sind. Zu seiner Überraschung wird der Wertebereich ‚Schnelligkeit, Dynamik, Wendigkeit‘ von ihm für seinen Privatbereich als äußerst negativ herausgearbeitet. Herr L. erinnert zahlreiche Situationen, in denen sich dieser Wertekanon in Handlungen und Entscheidungen seinerseits zeigte und die in ihrer Folge zu Missklängen, Streit und Konflikten mit seiner Frau, seinem Sohn und auch Freunden geführt habe. „Ich bin stets dazu angehalten worden, nicht lange herumzufackeln und offensiv voranzugehen. Bislang habe ich das zurückgeführt auf die Begründung, dass ich über die Stärke verfüge, auch komplizierteste Sachverhalte schnell zu durchschauen.“

Herr L. erkennt im weiteren Verlauf unserer Arbeit, wie dieser Wertebereich aus der Sicht seines privaten Umfeldes von ihm überdehnt wurde in Richtung ‚Bevormundung, Ungeduld, Abwertung‘.
Und er erkennt auch, dass ihm die Werteressourcen durchaus zur Verfügung stehen, dies zu korrigieren. Mit Besonnenheit und Achtsamkeit, die er bislang auch weitestgehend mit seinen Entscheidungen im Berufsleben in Verbindung brachte, ist eine solche Entwicklung zu leisten. Diesen Werten eine neue Kontur zu verleihen, wird wahrgenommen werden und dies verspricht, zu einem erfüllenden Privatleben zu kommen. Herr L. hat so eine Antwort gefunden auf eine Frage, die ihm sein Leben gerade stellte.