Zum Buch ‚Krisencoaching‘ und zur ‚KrisenPraxis‘

Aus einem von einem Teilnehmer dokumentierten Gespräch im Rahmen eines Colloquiums Privatissime mit Führungskräften über unsere Arbeit im Kontext ‚Krise‘

Wie ist es zu Ihrem Buch ‚Krisencoaching‘ gekommen?

„Ich treffe im Coaching oft auf Führungskräfte, die sich in ihren Unternehmen als recht wirkungsvolle Krisenbegleiter bei anderen Menschen eingebracht haben, sich in ihren eigenen Umbruchsituationen aber hilflos zeigen. Ich stelle dann meist fest, dass diese Menschen anderen oftmals dadurch gut helfen, weil sie zur rechten Zeit die passenden Fragen stellen, jedoch überraschend das Maß an Selbstreflexivität und Selbstkenntnis vermissen lassen, das erforderlich wäre, um eigenen extremen Belastungen zu trotzen.

Dabei haben wir zwar wie nie zuvor intelligente Verfahren verfügbar, die das Orientierungswissen des Menschen über sich selbst vergrößern können. Trotzdem wissen die Menschen immer weniger über sich, weil ihnen die Komplexität ihrer Aufgaben die Zeit für sich selbst oft stiehlt.
Tritt dann eine massive Belastungssituation ein, erleben auch ansonsten perfekt analysierende Führungspersönlichkeiten ihrem Dasein den Boden entzogen. Als Coach biete ich mich dann meinem Gesprächspartner dafür an, sein Wissen über sich selbst zu aktualisieren und darüber dann Wege aus der Krise zu finden.

Irgendwann kam dann der Entschluss, mein Wissen über das Phänomen Krise und den Umgang mit ihr zu bündeln. Das Buch entstand also nicht aufgrund eines Schlüsselereignisses. Es war vielmehr über die Jahre und zahllosen Krisencoachings ein schwerer Schlüsselbund entstanden, der mich veranlasste, die gemachten Erfahrungen mit anderen Kollegen zu teilen und daraus dann das aus unserer Sicht Wichtigste zu veröffentlichen.“

Woran arbeiten Sie zur Zeit?

„Aktuell arbeite ich mit einem Manager aus der Rüstungsindustrie, dessen Arbeitsumfeld sich durch das vom Vorstand beschlossene Outsourcing eines seiner Hauptkompetenzfelder erheblich ändern wird. Mein Klient empfindet sich in einer Wissenskrise, die ich schon oft bei hochqualifizierten Menschen erlebt habe, deren Ressource Wissen zuerst durch einen solchen strategischen Entschluss abgewertet wird, diese demotivierten Menschen mit ihrer Nischenkompetenz dann auf dem Markt keine adäquate alternative Verwendung finden, in weiterer Folge ihr ‚Marktwert‘ sinkt und sie letztlich in ihrem Unternehmen die Aufgabe erhalten, die Probleme zu lösen, die durch die beauftragten externen Dienstleister zurück ins Unternehmen getragen werden.

Meine Leistung besteht darin, den Klienten zuerst psychisch zu stabilisieren, um ihn dann empfänglich zu machen für die Klärung seines Wertesystems. Bei allem, was einen Menschen zutiefst durch Handlungen, Entscheidungen oder Worte verstören und verletzen kann, sind die eigenen Werte das Fundament, auf dem das Leben weitergeht. Damit es gelingend weitergeht, muss der Mensch aber seine Werte kennen. Das ist jedoch leider zu selten der Fall und ich denke, dass Werteklarheit der eigentliche Schutzfaktor ist, um gut durch nie im Leben auszuschließende starke Belastungssituationen zu kommen.

Und ich arbeite an einer Dienstleistung zur individuellen Krisenprävention, die die Prozessschritte: internetgestützte Selbstreflexion, Krisenszenario-Workbook und die Entwicklung von Handlungsblaupausen miteinander intelligent vernetzt. Dieses Angebot soll im Sommer verfügbar sein.“

Was zeichnet einen Krisencoach aus?

„Die Kompetenz des Coachs, den Gesprächsprozess zu strukturieren, seine Breite und Tiefe angemessen zu planen und dennoch die Flexibilität zu wahren, um den mit ihm auf Augenhöhe arbeitenden Klienten nicht in Abhängigkeit oder Fremdbestimmung zu führen, kann nur durch eine umfassende Qualifizierung im Umgang mit psychisch belasteten und begrenzt selbststeuerungsfähigen Menschen vorausgesetzt werden. Krisencoaching kann seriös nur dann erfolgversprechend sein, wenn der Coach über ein umfassendes psychologisches Know-how verfügt und sich mental wie emotionale wendig und selbst belastbar empfindet. Er braucht im wahrsten Sinn des Wortes einen ‚gesunden Menschenverstand‘.

Mit diesem Gedanken verbunden ist die erforderliche Sorgfalt im Umgang mit Begriffen wie ‚Notfall‘, ‚Krisenintervention‘ oder ‚Experte‘. Diese und andere suggerieren eine Form von Macht, die den Grundüberzeugungen des Coachings zuwiderlaufen. Auch wenn der Coach über eine Expertise in der prozessualen Arbeit mit Krisenanliegen verfügt, die Verantwortung für die Regeln und Regelungen des Coachingprozesses innehat und in diesem Kontext auch stärker direktiv einwirkt, so ist er doch noch lange nicht Experte für genau die vom Klienten erlebte Situation. Für den Inhalt des Coachings bleibt der Klient in der Verantwortung, seine Krise gehört ihm, ebenso wie deren Bewältigung.“

Was habe ich nach dem Buch gelernt?

„Dass sich mit nur mit Komplexität der Komplexität einer Krise begegnen lässt. Komplexität in einer durch Nichtvorhersehbarkeit geprägten Situation ist mit Selbstführung a la Coaching-Ratgeber allein nicht zu meistern. Wenn ein Mensch in einer Krise hoch emotionalisiert quasi ‚auf Sicht segelt‘, dann ist klar, dass dies nach kurzer Zeit zum psychischen Zusammenbruch führt.

Krisencoaching oder besser noch Krisenpräventionscoaching kann einen Beitrag leisten, die gegebenen oder erwarteten Zusammenhänge einer Krisensituation zu erkennen und zu reflektieren.

Zuerst muss ein Mensch das spezifische Muster seiner Krise verstanden haben, bevor er sich an Ziele und neue Pläne macht. Da wir auf dem Markt eine große Anzahl sogenannter Krisencoachs finden, die ihre Arbeit so interpretieren, einen extrem belasteten Menschen nur möglichst rasch wieder zum Laufen zu bringen, war es uns wichtig, die verschiedenen psychischen Kategorien genauer darzustellen, die während eines Krisenprozess in einem Menschen eine Rolle spielen. Also zum Beispiel, mit welchen Formen von Bewusstheit Menschen ihre Krisen bedenken. Oder warum es in Krisen erst eines Maßes an Einsicht und Hoffnung bedarf, bevor der Mensch sich entscheiden kann, nach der Krise einen neuen Weg einzuschlagen.

Und in unseren Praxisfällen haben wir dann beschrieben, mit welchen Methoden und Unterstützungsleistungen wir mit unseren Klienten und ihren Themen gearbeitet haben.“

Was ist Krise?

„Ich verstehe unter einer individuellen Krise einen belastenden, zeitlich begrenzten, in seinem Verlauf und in seinen Folgen offenen, also nicht vorhersehbaren Veränderungsprozess eines Menschen. In diesem Prozess kann der Mensch seine gewohnte Kontinuität im Erleben und Handeln nicht mehr aufrechterhalten. Dazu kommt eine in seiner Form dem Menschen ungeahnte und massiv erscheinende Destabilisierung durch Emotionen. In dieser Mischung aus Aufgewühltsein und Selbstzweifel, der Situation Herr zu werden, macht sich der Mensch vergeblich auf die Suche nach passenden Ressourcen und merkt, dass er mit dem, was er verfügbar hat, seine Situation nicht bewältigen kann.

Anders ausgedrückt kann man eine Krise als einen Systemzustand bezeichnen, in dem es für einen Menschen eine zu hohe Anzahl von für ihn psychisch unfassbarer Systemelemente gibt. Diese Elemente bilden untereinander eine Vielzahl von der Person unbekannten, unerklärlichen Beziehungen, die sich zudem auch noch dynamisch verändern. Tritt ein solcher Zustand ein, gibt er dem Menschen das Feedback, für ihn noch nicht gerüstet zu sein.

Denken wir zum Beispiel an eine unerwartete ernste ärztliche Diagnose. Mental wie emotional kann der Mensch eine solche Situation zuerst nicht fassen, das Wissen des Arztes bleibt der Person verborgen, die vorgeschlagenen Therapien treffen auf Unwissen und dies wird meist spontan durch Vertrauen in den Arzt kompensiert. Dr. Google dynamisiert das Ganze dann, wenn die Person meint, durch einen medizinischen Crashkurs sich auf die Augenhöhe zum Arzt entwickeln zu können.

Verzahnen sich in einen solchen Zustand noch die Problem aus dem privaten und beruflichen System, dann wird das, was wir die Dekompensationsgrenze nennen, schnell erreicht. Ist diese Grenze überschritten, dann kann der Mensch die Situation nicht mehr rational angehen. Dann siegt quasi das limbische System über den Cortex und wir erleben den Menschen zunehmend affekthaft und in seiner Selbststeuerung beeinträchtigt.“

Was ist die Kernbotschaft Ihres Buches?

„Die alten Theorien und Definitionen sind für die Krisen von heute unbrauchbar geworden. An sich haben wir das, was wir längst eine Krise 2.0 nennen können. Krisen sind nicht mehr ‚nur‘ komplizierte und komplexe Situationen mit gravierenden Einschnitten ins Lebensmodell. Krisen von heute zeigen zudem eine neue Qualität von Dynamik auf. Sie mutieren zu multiplen Belastungsereignissen, sie führen zu Co-Abhängigkeiten bei anderen Menschen, sie verändern sich durch den Wegfall erhoffter und früher verlässlicher sozialer, religiöser, familiärer ‚Schutzschichten‘, sie werden zu Ereignissen, die flankiert werden durch Rastlosigkeit, Leistungsdruck und externe Beobachtung.

Wer eine Krise hat, steht auf der Bühne und wird von vielen beäugt, wie er mit der Situation umgeht oder wie er in ihr untergeht. Anders als durch eine neue Potenz des Krisenerlebens lässt sich kaum die steigende Zahl derer erklären, die sich bei Lebensumbrüchen in klinischer, ambulant-therapeutischer Behandlung oder immer stärker auch im therapienah konzipierten Krisencoaching wiederfinden. Oder wollen wir ernsthaft behaupten, dass unsere Eltern- und Großelterngeneration sich nicht auch in Umbrüchen, katastrophalen Lebenssituationen und mächtigen Veränderungen befand? In diesen Generationen haben viele Menschen ihre Krisen mit sich alleine verarbeitet oder sie eben mit ihren ‚Schutzschichten‘ gemeinsam durchgestanden – bei kompliziert-komplexen Ereignissen mag dies auch heute noch gelingen. Kommt aber Dynamik mit ins Spiel, dann wird aus einem Gewitter ein Tornado, dann fliegt einem das Leben buchstäblich um die Ohren.

Probleme zu haben, ist heute legal, eine Krise zu haben, gilt aber weithin schon als etwas illegales -wohl auch, weil von einer Krise mittelbar auch andere Menschen betroffen werden, die sich ihrerseits bereits unter Lebens- und Leistungsdruck fühlen. Da kommt in dieser Kette ein schwächelndes Glied nicht besonders gelegen.

Fällt man auf die Idee hinein, einer Krise mal so nebenbei Herr werden zu wollen, dann ist das extrem selbstgefährdend. Gehirne brauchen heute mehr Zeit, um mit einer entstandenen komplizierten und dynamischen Krisenkomplexität umgehen zu können – eben weil der Mensch sich bereits in vielen anderen komplexen Kontexten bewegt und die emotionale und kognitive Leistungskraft in unserer Stressgesellschaft ohnehin oft am Limit ist. Kommt dann eine Krise dazu, ist dies nicht nur etwas, was das Fass zum Überlaufen bringt, sondern oft etwas, was es bersten lässt.

Krisencoaching und auch unser Buch ermöglicht es, die individuellen Muster zu erkennen, die einen für Krisen empfänglich machen, die einen auf Krisen reagieren lassen. Wenn Klienten bei mir ins Krisencoaching kommen, dann verstehen sie einen Teil ihrer Welt nicht mehr. Aber erst, wenn es ein Mensch aushält, etwas nicht zu verstehen, hat er eine Chance, es zu verstehen. Das ist wohl die wichtigste Botschaft auch im Buch.“