Mit Werten aus der Berufs-Ehe-Krise – Teil 2

Fortsetzung von gestern

Manfred L. zeigt im Coaching‐Gespräch ein klares und strukturiertes Denken, einen deutlichen Affekt, seine Körpersprache ist lebendig. Er vermag perspektivenreich seine private und berufliche Situation zu schildern, auch dass er seit der Geburt des Kindes fühlt, dass seine Frau die körperliche Nähe zu ihm nicht mehr in der Weise sucht, wie sie es zuvor tat. Sie habe ihm schon einmal gesagt, dass sie sich überfordert fühle, wenn er am Wochenende zu Hause sei, dort ja auch immer noch etwas für die Firma täte, die Bindung zum Kind nicht vertieft würde und er dann auch noch erwarte, dass es in der Erotik funke. Das könne er wohl verstehen, andererseits wären die Bedingungen halt wie sie sind, er würde seine Frau lieben und in die Vaterrolle schon noch hineinwachsen und so ungewöhnlich sei es doch wohl nicht, dass man als Mann auch die Nähe zur Frau suche – „aus dem Alter bin ich ja noch wirklich nicht heraus“.

Hat der Klient seine Bedingungen oder haben die Bedingungen ihn?

‚Die Bedingungen sind eben wie sie sind’ – ein solcher Satz, der eine Meinung wie in Stein meißelt, stellt einen recht gelungenen Einstieg in eine Arbeit mit ‚tieferen Schichten’ dar. Weniger in der Form, dass der Klient erklärt, warum die Bedingungen so wurden wie sie sind – dafür finden sich fraglos eine Fülle nachvollziehbarer Gründe, sondern vielmehr: Wozu sind die Bedingungen so wie sie sind ‚gut’? Welche Haltungen und Einstellungen nimmt der Klient ein, wenn er seine Bedingungen reflektiert? Kann er annehmen, dass jeder Mensch unter Bedingungen steht, jeder Mensch aber auch frei und verantwortlich dafür ist, sich zu diesen Bedingungen zu stellen – dass es immer ein ‚so oder so’ gibt? Vermag der Klient in die Klarheit darüber zu kommen, welche seiner Werte seine bisherigen Einstellungen und über diese auch seine Verhaltensmuster geprägt haben? Wird ihm bewusst, dass ein ‚sich zu den Bedingungen anders stellen’ eine Entwicklung seines Wertesystems bedeutet?  Hindert ihn etwas an dieser Werteentwicklung? Erkennt und fühlt er einen Sinn, der durch die Verwirklichung dieser Werte entsteht?
In dieser Phase des Gesprächs stehen Hypothesen im Raum wie: ‚die Vaterrolle bedingt einen Wertekanon, den der Klient noch nicht hinreichend entwickelt hat’; ‚die beruflichen Aufgaben erscheinen zunehmend sinnentleert’; ‚die Entwicklungen in den verschiedenen Lebensbereichen verlaufen zu schnell, die Selbstreflexion kommt zu kurz’; ‚zwischen dem Klienten und seiner Frau findet zu wenig Wertekommunikation statt’; ‚der Klient verliert sich selbst im Streben nach Pflichterfüllung’.

wird fortgesetzt