Mit Werten aus der Berufs-Ehe-Krise – Teil 4

Fortsetzung von gestern

Manfred L. spürt, dass da etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Er versucht Erklärungen in der Arbeitslast, der Terminhetze, in der mangelnden Libido seiner Frau, in noch nicht qualifizierten Mitarbeitern u.a. zu finden.

Ist es – sokratisch gefragt – wahr, dass diese Bedingungen der Grund Ihres Handelns waren? Manfred L. erkennt, dass  es Ursachen für ihn gab zu handeln. Einen Grund, genau so zu handeln, gab es für ihn jedoch nicht. Ist es gut, dass Sie so handelten? Manfred L. erkennt, dass er die Verwirklichung u.a. seiner Werte Zuneigung, Vernunft, Gradlinigkeit und Bindung durch seine Handlung verfehlte. Ist es notwendig gewesen, in dieser Weise zu handeln? Auch hier erkennt Manfred L., dass ‚seine Not zu wenden’ in anderer Weise zu gestalten ist – sonst wäre ein ‚Rückfall’ unvermeidlich.

Was ist aber nun in der aktuellen Situation wahr, gut und notwendig? Für Manfred L. wird diese Reflexion zum Übergang in seine geistige Dimension. „Wahr ist, dass ich frei und verantwortlich war.“ „Gut ist, dass mich mein Verhalten an meine Werte zurückführt und ich erkenne, dass ich nicht guten Gewissens gegen sie handeln kann.“ „Notwendig ist, meine Werte zu pflegen und zu kultivieren.“

Aus einer Reihe pragmatischer, kommunikativer, reflexiver Interventionen erarbeitet sich Manfred L. u.a. diese Aspekte: Nachdem ich mir gut vorstellen kann, wie meine Tochter wohl mit 15 Jahren aussehen wird und nachdem ich mir auch vorstellen kann, welche Fragen mir meine dann 15jährige Tochter wohl in Bezug auf meine vergangenen 15 Jahre stellen wird, nehme ich mir vor, immer dann, wenn ich alleine im Hotelzimmer bin, für sie zu beschreiben, was ich heute tat, wie ich mich heute fühlte, welche Gedanken ich heute an sie hatte, was mir heute wichtig war. Dieses Tagebuch nenne ich „Lockbuch für Jenny“, denn auf die erste Seite kommt eine ihrer Locken und eines Tages möchte ich sie mit diesem Buch „locken“, doch mehr über eine Zeit zu erfahren, deren Zeitzeuge sie ja nur partiell gewesen ist.

Meiner Frau werde ich sagen, dass ich meiner Verantwortung nicht mehr ausweiche. Ich habe gelernt, dass ich eine Frage meines Lebens, auf die nur ich die Antwort bin, zu beantworten habe und diese Antwort habe ich gefunden, wenn ich auf mich und meine Familie schaue. Ich werde sie um Entschuldigung bitten. In meinem Beruf werde ich die durchaus möglichen Veränderungen derart einleiten, so dass ich meine Leistungsfähigkeit und ‐ bereitschaft nicht durch einen Werteverlust in Gefahr bringe. Ich nehme mir immer wieder die Zeit, mein Gewissen danach zu befragen, was in relevanten Situationen wahr, gut und notwendig ist.

Die Situation der Partnerin

** Karin L. [arbeitet mit einer Coachkollegin] ist 31 Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Mann Manfred in einer Großstadt, unweit ihres Arbeitgebers. Seit fünf Jahren arbeitet sie im Produktmanagement eines Konsumgüterherstellers. Vor zweieinhalb Jahren hat sie sich intern auf eine vakante Leitungsposition im Marketing beworben, wurde jedoch nicht berücksichtigt, da sie sich für eine solche Aufgabe noch Erfahrung in der Führung internationaler Teams aneignen müsse. Dies hat sie seither in verschiedenen Projektgruppen getan und nahm vor einem Jahr die Gelegenheit wahr, sich auf eine Position in einer neu geschaffenen Business Unit zu bewerben. Sie fühlt sich für die Aufgaben gut gerüstet und wähnt sich sicher, bei diesem „zweiten Anlauf“ erfolgreich zu sein.