Mit Werten aus der Berufs-Ehe-Krise – Teil 6

Fortsetzung von gestern

Hierzu nutze ich die LebensWerte‐Kartenbox, die in Logotherapie und Coaching dazu eingesetzt wird, Klienten eine Hilfestellung in ihrer Werte‐Klärungsarbeit zu leisten. Über 400 redaktionell beschriebene Wertebegriffe stehen der Klientin zu Verfügung und sie wählt die für sie relevanten heraus auf der Basis der Frage: „Wenn Sie in sich hineinspüren und schauen, was Ihrem Wesen zutiefst entspricht, welche Beschreibungen sind dann für Sie zutreffend?“

Werte, nicht nur wichtig, sondern wesentlich

Die Klientin wählt aus dem Kartensatz knapp 50 Wertebegriffe aus. Als einen der nächsten Schritte erhält sie die Aufgabe, diejenigen Werte herauszusuchen, die sie im Zusammenhang mit dem von ihr geschilderten „angefressen, angezweifelt, klein gemacht zu werden“ als belastet ansieht. Es sind dies: Fleiß, Stärke, Improvisation, Selbstsicherheit, Rationalität, Gelassenheit, Antrieb, Individualität, Respekt, Vertrauen, Unvoreingenommenheit, Wissbegierigkeit, Spontaneität, Zähigkeit, Zielstrebigkeit.

WerteFrauLUm herauszuarbeiten, ob die Werte von Dritten projiziert wurden oder sich aus eigenen biografischen Begebenheiten heraus erinnern lassen, wird mit jedem Begriff ein Zeitstrahl in die Vergangenheit verbunden, und die Klientin reflektiert Wahrnehmungen und Ereignisse, die sie mit dem jeweiligen Wert in Berührung bringt. Den Wert „Zielstrebigkeit“ verbindet sie so zum Beispiel mit einem Satz aus dem Elternhaus als sie acht Jahre alt ist: „Nur mit einem Ziel erreichst Du viel!“. Den Wert „Unvoreingenommenheit“ verbindet sie mit einem Auslandsjahr in Kenia, als sie in der gymnasialen Oberstufe sich entschloss, ein Schuljahr in Afrika zu verbringen, um eine andere Kultur kennen zu lernen und ihr Umfeld – vor allem die Brüder – in ihrem Entschluss, gerade nach Afrika zu gehen, für „unsere Kleine“ doch ein gewisses „Wiederkehr‐Risiko“ sahen.

Durch diese Reflexionen kann die Klientin gut herausfiltern, welche der Werte ihre ureigene Lebensgeschichte zeichnen und welche Werte von ihr übernommen wurden. Der Wertekanon „Zielstrebigkeit“, „Zähigkeit“ und „Stärke“ wird dabei von der Klientin als durch ihre Familie ihr „übertragen“ und in seiner Wuchtigkeit heute eher als hinderlich und belastend empfunden. Während sie die Werte „Großzügigkeit“, „Gelassenheit“,  „Unvoreingenommenheit“, „Selbstsicherheit“, „Vertrauen“ und „Respekt“, die sie durch selbst verantwortete Lebensetappen entwickelt hat, zwar eher als förderlich, aber durch die aktuellen beruflichen und privaten Ereignisse ins Hintertreffen geraten sieht. Und „Selbstsicherheit“, „Vertrauen“ und „Respekt“ seien dabei die Werte, die ihr Mann mit seinem Verhalten verletzt habe.

Die Klientin stimmt zu, diese ‚Werte‐Gefühle‘ ihrem Mann in einem sinnzentrierten Paargespräch zu spiegeln.

Das Paargespräch

Im Paargespräch, das ich für Karin L. und ihren Mann moderiere und in denen sich beide ihre jeweiligen auf unterschiedliche Weise belasteten Gefühle schildern, wird beiden deutlich, dass ihre Bindungswerte „Liebe“, „Zuneigung“ und „Nähe“ zwar bei jedem auf seine Art verletzt wurden, jedoch diese Werte nach wie vor für ihre Partnerschaft als tragfähige, gemeinsame Brücke ansehen. Herr L. hat eine Aufmerksamkeit seiner Frau ins Gespräch mitgenommen, und als er um ihre Entschuldigung bittet und ihr ein kleines Symbol für seine Liebe überreicht, nimmt sie beides gerührt an. Eine mediierende Intervention war nicht erforderlich, ebenso argumentierten beide nicht in Richtung „Erhalt der Partnerschaft des Kindes wegen“ – vielmehr machten beide deutlich, wie unbeachtet bisher ihre lebensgeschichtlichen Werteentwicklungen waren und wie wichtig es war, diese Ebene in der Krisensituation in den Vordergrund zu rücken.
Karin L. hat sich mit ihrem Mann versöhnt. Die Partnerschaft ist seither weiterhin intakt.