Ohne Werte geht es nicht

Sinn findet sich durch Verwirklichung von Werten. Werte sind Sinn-Universalien – so die ‚Formel‘ des Sinntheoretikers Viktor Frankl. Diesem Gedanken liegt zu weiten Teilen die Wertlehre Max Schelers zugrunde.

Je nach philosophischer Auffassung werden Werte entweder als mit dem Sein untrennbar verbun­den [Wertrealismus] angesehen oder – als Formen des Werteidealismus –

  • als von ihm getrennt verstanden im Sinne einer überweltlichen Idee des Guten oder
  • als von ihm getrennt im Sinne eines formalen Sollens oder
  • als von ihm getrennt im Sinne ‚idealer‘ inhaltlich-materialer geistiger und
    überdauernder
    Qualitä­ten.

In der letzten Auffassung spiegelt sich insbesondere die materiale Wertethik Schelers wider, die von Frankl mit der Formel ‚Werte sind Sinn-Universalien‘ adaptiert wurde

Die Idee der Objektivität von Werten führt bei deren Übertragung in ein ‚Hier und Jetzt‘ dazu, ein wertendes Bewusstsein voraus­zusetzen, das im Moment seiner Inkraftsetzung einen Wertsubjektivismus begründet und die Objek­tivität der Werte transformiert in eine situative Gültigkeit.

Anerkennt man ferner, dass der Wertende eingebunden ist in seinen individuellen Kulturhintergrund, so mündet dies in die Perspektive des empirischen Wertrelativismus und letztlich in eine Vielzahl von funktionalen Facettierungen oder in nach Lebensbereichen und Trägern differenzierte  Werteklassen [z.B. ökonomische, politi­sche, ethische, soziale Lebensbereiche oder Sach-, Güter- oder Personwerte].

Schelers Wertphänomenologie, in der die Personwerte eine überragende Stellung einnehmen, ist durch eine Stufenstruktur charakterisiert, in der auf der untersten Stufe die Werte des Angenehmen und Unangenehmen wie Lust oder Schmerz, körperliche Wärme, Wohlgeschmack, sexuelle Befriedi­gung stehen, gefolgt von den Werten des Edlen und Gemeinen, zu denen das körperliche Befinden, Kraft, oder Mut gerechnet werden. Die Werte des geistigen Fühlens, zu denen das Schöne oder Häss­liche, Kunst oder auch Rechtsordnungen zählen, bilden die dritte Stufe. Und die vierte repräsentiert Werte des Geistigen, für Scheler sind dies zum Beispiel Liebe und Hass, Glaube oder Unglaube und die Akte liebender Hinwendung zu Personen.

Frankl, dessen Verständnis von Werten dem Wertidealismus entspricht, sieht in den jederzeit gegebenen Sinnmöglichkeiten einen Wert an als ‚noch nicht verwirklichten Sinn‘, der sich durch die Erfüllung konkreter Aufgaben erfahren lässt und je nach Kontext die Verwirklichung schöpferischer Werte, Erlebniswerte oder Einstellungswerte meint. Mit diesen drei Kategorien adres­siert Frankl die ‚Sinn-Universalien‘, in denen der Mensch entweder etwas erschafft, die Welt gestaltet, ein Werk ‚schöpft‘ und als ‚homo faber‘ wirkt oder indem er sich der Schönheit der Natur, der Kunst, des Genusses, des beglückenden Gesprächs usw. als ‚homo amans‘ ‚erlebend‘ hingibt oder indem er in unabänderlicher Lage oder Krise die Verantwortung über sich nicht preisgibt, zu verzichten lernt und als ‚homo patiens‘ sein Leidempfinden ummünzt in Leidensfähigkeit.

Anders als der konkrete, auf eine einmalige Situation und einzigartige Person bezogene Sinn sind Werte abstrakt und gelten für sich wiederholende Situationen. Ihnen kommt in der Sinntheorie Frankls eine große Bedeutung zu, wenn er ihre Verwirklichung als den einzig möglichen Weg zur Sinnfindung auszeichnet. Wenn Frankl in diesem Kontext auch auf die Verantwortlichkeit zu sprechen kommt, dann meint er damit die individuelle Verantwortung für das Verwirklichen der eigenen Werte, der „’Gründe‘, die den Menschen zu seinem jeweiligen Verhalten und Handeln ‚bewegen‘. In anderen Worten: So wie man dem Leben eines Menschen von außen keinen Sinn geben kann, so kann man ihm auch Werte nicht ‚bei-bringen‘. „Werte können wir nicht lehren, Werte müssen wir leben.“ [Frankl]