Aus der Krisencoaching-Praxis II

Fortsetzung vom 11.7.:

Ich entscheide, in der ersten Coachingsequenz den Klienten zu stabilisieren, indem ich ihm zuerst einmal ermögliche, unseren Arbeitsraum derart zu gestalten, dass er ihn als seine ‚temporäre Coachingheimat‘ akzeptiert. Aus unserem Therapieraum, der mit seinem Mobiliar anders ‚wirkt‘, sucht sich der Klient einen Wohlfühl-Sessel und eine Lampe aus. Wir integrieren beide im Coachingraum und entfernen dort einige technische Geräte, die ich sonst für Trainings oder Ausbildungen nutze. Ich verspreche Helmut B., dass er diesen Raum auch in künftigen Sitzungen in dieser Weise vorfinden wird und merke, dass ihm diese ‚Zuwendung‘ gut tut.

Inhaltlich folge ich der Hypothese, dass Helmut B. sein Bedürfnis nach persönlicher Wertschätzung unzureichend gestillt bekam, sich hierdurch ein dauerhaftes Stressempfinden ergab [das ihn bis heute immer wieder quält] und dem er dadurch Herr zu werden versuchte, indem er alle möglichen Anstrengungen unternahm, die Harmonie zu den Menschen um ihn herum nicht zu gefährden. Als diese ‚Strategie‘ nicht aufgeht, ändert er den ‚modus vivendi‘ im Umgang mit seinem Umfeld und beginnt, gemäß seiner Überzeugungen nach Aufgabenerfüllung, Arbeitseifer und Leistungsqualität sich stark auf seine beruflichen Themen zu konzentrieren.

Die dank seiner hohen Performanz resultierenden Beförderungen führen zu mehreren Umzügen innerhalb Europas, einer beständig wachsenden Verantwortung und einer sehr guten materiellen Ausstattung. Anstatt nun aber eine Anerkennung seines Pflichtgefühls zu erhalten, spürt Helmut B., dass ihm auch der Dank auf dieser Ebene eher mehr als weniger versagt bleibt. Während er dies im beruflichen Umfeld noch zu verstehen meint, da „im Business ohnehin bloß das Ergebnis zählt“, berührt ihn die aus seiner Sicht negative Entwicklung im Familien- und Freundeskreis sehr. Er beginnt zu klagen und sein Privatsystem mit Abwertungen unterschiedlicher Stärke zu attackieren.

[wird fortgesetzt]