Wo ist mein Orient?

Ein menschliches Leben erhält seinen Inhalt durch individuelle Orientierung. Nur der Mensch fragt sich ‚wer bin ich‘ und seine Antwort darauf verleiht ihm Identität und ermöglicht ihm Zielsetzungen. Das alles erfolgt programmlos [griech.: prógramma ‚Vorgeschriebenes‘] – das Programm des Menschen ist es, nicht programmiert zu sein.

Mensch sein heißt ja niemals, nun einmal so und nicht anders sein zu müssen,
Mensch sein heißt immer, immer auch anders werden können.
Viktor E. Frankl

Schon Babys lernen, die Welt in Kategorien zu teilen. Sie lernen, umstrukturieren, kallibrieren und bauen auf den Mustern des Bekannten auf. Krisen durchbrechen diese Muster. Es entsteht ein Gefühlschaos, es sei denn, der Mensch verfügt über erfahrungsbedingte und nicht ideologisch aufoktroyierte Intuition, dies es ihm ermöglicht ‚auf Sicht zu fahren‘. Intuition, also menschliches Gespür, wird erst ausgeprägt durch Besinnung auf Erfahrung. Doch dieser Prozess wird zunehmend gefährdet. Zum einen wird das, was wir in Kindheit und Jugend von Bezugspersonen darüber gelernt haben wie wir uns später einmal orientieren können, wenn wir uns nicht mehr auskennen, immer weniger anknüpfbar an die heutige pluralistische Lebenswelt. Zum anderen ist die Vielfalt, die als Qualitätsmerkmal einer demokratisch freiheitlichen Gesellschaft so erfreulich ist, dann ein Problem für den Einzelnen, wenn dieser nicht Vielfalt, sondern Verwirrung spürt. Überdehnt sich der Wert ‚Vielfalt‘ und entsteht durch die mit ihr verbundenen Widersprüche ‚Verwirrung‘, dann verwässert dies zwangsläufig den Blick auf das Wesentliche, auf Chancen und Möglichkeiten, auf das Sinnhafte.

In der Komplexität sucht der Mensch nach Vereinfachung und verfehlt dabei seinen Orient

In vormoderner Zeit gab es klare Fixpunkte, die der Mensch nicht suchen musste. Das sagten einem Menschen, was gut und richtig ist, an was es zu glauben galt, wie man zu leben hatte. Die moderne Gesellschaft bietet dagegen heute viele Suchpunkte, die – würden sie als ‚gefunden‘ angesehen – auch fixiert werden könnten. Doch wie soll man wissen, dass das Gefundene nicht vielleicht das noch Attraktivere verdeckt? Aus dieser Haltung heraus neigen Menschen dazu, nicht mehr zu ‚fixieren‘, sie halten sich selbst im permanenten Suchraum und verlieren dadurch nach und nach die Fähigkeit, ihren Platz einzunehmen. Viktor Frankls Frage: „Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie die Antwort“, ist in diesem mentalen Modus nie zu beantworten.

Orientierung [abstammend von Orient, ‚aufgehende Sonne‘, oriri „sich erheben“] bedeutet, Fixpunkte zu haben, auf die man immer setzen kann. Verfehlt sich der Mensch, verliert er seinen Punkt, an dem er sich erheben kann, dann wirkt das mitunter krisenauslösend. In einer Krise jedoch, hat dies eine fatale Wirkung. Dann wird der Mensch auf seltsame Weise wieder ‚vormodern‘, dann sucht er nach Antworten und Ansagen anderer, dann droht die Abhängigkeit.

Aus dieser Perspektive wird der zentrale Zweck individueller Krisenprävention deutlich. Der Mensch braucht die selbsttolerante Distanzierung von verwirrender Vielfalt. Sie dient dem Zweck der Einnahme eines mit individuellen Werten grundierten Platzes, auf dem sich ein gelingendes, sinnvolles Leben leben lässt. In unserer Krisenpräventions- und Krisenpraxis stellt dieser Prozess das für unsere Klienten wie für uns das Berührendste dar, was im Rahmen der Begleitung erlebt werden kann. Denn dann findet der Klient seinen Orient, seine Sonne – die ja nie weg war.