Wenn Du denkst, Du denkst, dann denkst Du nur, Du denkst

Das Denken – eine schier unerschöpfliche Quelle zur permanenten Neuerfindung eines Menschen. Manche behaupten, die Fähigkeit zu denken, mache das Wesen des Menschen aus. Andere bringen das Denkvermögen mit dem Wunsch nach Wahrheit in Verbindung. Wieder andere meinen, etwas durchdacht zu haben sei die Basis für vernünftiges Handeln. Fragt man einen Menschen danach, was er gerade denkt, dann kann man auf ‚rückblickendes Denken‘ stoßen oder auf selbstreflexives oder auf planendes, auf abstraktes, auf phantasierendes oder bewertendes, auf vorausschauendes oder ahnendes oder …

Wer denkt, der ist! So sah es der Philosoph Rene Descartes im 17. Jahrhundert: ‚Daraus erkannte ich, dass ich eine Substanz bin, deren ganzes Wesen oder deren Natur nur darin besteht, zu denken und die zum Sein keines Ortes bedarf, noch von irgendeinem materiellen Dinge abhängt, so dass dieses Ich, d.h. die Seele, durch die ich das bin, was ich bin, völlig verschieden ist vom Körper, ja dass sie sogar leichter zu erkennen ist als er, und dass sie, selbst wenn er nicht wäre, doch nicht aufhörte, alles das zu sein, was sie ist.“
In einem späteren Werk fokussiert er weiter: „Ich bin also genau nur ein denkendes Wesen, d.h. Geist, Seele, Verstand, Vernunft – lauter Ausdrücke, deren Bedeutung mir früher unbekannt war. Ich bin aber ein wahres und wahrhaft existierendes Ding, doch was für ein Ding? Nun, ich sagte es bereits – ein denkendes.“

Schließlich gelangt er zu der – vermutlich auch erst durch ihn zu gewisser Berühmtheit gelangten – Zirbeldrüse: „Es ist auch nötig zu wissen, dass, obgleich die Seele mit dem ganzen Körper verbunden ist, es einen bestimmten Teil gibt, über den sie mehr als über alle anderen ganz spezifisch ihre Funktion ausübt. Man glaubt gewöhnlich, dieser Körperteil sei das Hirn oder vielleicht das Herz; das Hirn, weil sich mit diesem die Sinnesorgane verbinden, und das Herz, weil man in ihm die Leidenschaften fühlt. Nachdem ich aber die Sache sorgfältig untersucht habe, bin ich mir gewiss, erkannt zu haben, dass der Körperteil, über den die Seele ihre Funktionen unmittelbar ausübt, eine gewisse sehr kleine Drüse ist, die inmitten der Hirnsubstanz liegt und so oberhalb des Wegs, den die Lebensgeister von dessen vorderen Kammern zu den hinteren nehmen, hängt, dass ihre kleinsten Bewegungen sehr stark den Strom der Lebensgeister zu verändern vermögen und dass umgekehrt die geringsten Veränderungen, die im Strömen der Lebensgeister vorkommen, sehr viel dazu beitragen, die Bewegungen dieser Drüse zu verändern.“

Heute wissen wir, dass die Idee über die Funktion der Zirbeldrüsenseele nicht so ganz aufgegangen ist. Die Schlussfolgerungen, die Descartes aus seiner Denkforschung zog, passen mit heutigen Erkenntnissen nicht zusammen. So ist das mit dem ‚Zeit-Geist‘.

Vielleicht erweisen sich unsere Vorstellungen von der Möglichkeit einer individuellen Krisenprävention eines Tages auch als unpassende Schlussfolgerung? Der heutige ‚Teil-Zeit-Geist‘, dem Menschen einen ‚freien Willen‘ abzusprechen [wie es eine Strömung der modernen Neurowissenschaft behauptet und nur das Gehirn als die handlungsleitende Instanz ansieht], wäre wohl ein solcher Beweis. Aber noch haben sich diese Geister nicht behauptet und laufen ebenso Gefahr, ihrerseits eines Tages mit ihren unpassenden Schlussfolgerungen konfrontiert zu werden.

Damit kommen wir dann auch gleich zu unserem Outing: Ja, in unserem Menschenbild findet sich sehr wohl der freie Wille, das reflektionsfähige Selbst und das sinnfindende Gewissen, die den Menschen über das Tier erheben. Wir konnten Handlungen bei vielen Menschen beobachten, die unser Menschenbild bestätigten. Noch interessanter war es, dass wir viele Menschen mit Bedauern darüber sprechen hörten, dass sie eine Handlung nicht vollzogen hatten und dies zwar gerne korrigieren wollten, die Möglichkeit dafür jedoch nicht mehr sahen.

Aus zahllosen solcher Erfahrungen nehmen wir den Menschen daher bewusst nicht so wie er ist, sondern so wie er sein könnte und in dieser Perspektive ruht auch unsere Haltung, jedem Menschen per se die Fähigkeit zur sinnerfüllten Selbstaufklärung zuzusprechen. Und ganz konkret wird so das Thema einer individuellen Krisenprävention nicht zu einer reinen egozentrierten, zweckdienlichen Angelegenheit, sondern zu etwas, was ein Mensch macht in Liebe oder Hingabe an eine Sache oder eine Person, die er nicht selber ist. Mit anderen Worten: Krisenprävention, nur auf der Basis eines ‚warum soll ich das für mich machen‘, wird scheitern. Auf der Basis eines ‚wofür ist sie gut‘ wird sie gelingen. Krisenprävention wird somit mehr zu einer Lebenshaltung als zu einer Denkleistung.

Und erst jetzt kommt das Gehirn an die Reihe und damit auch die Voraussetzungen, die es zum Denken erfüllen muss. Dazu gehört insbesondere die Fähigkeit, in den eigenen psychischen Binnenraum schauen zu können, um dort bisherige Lebenserlebnisse, Lebenserfahrungen und Erinnerungen zu ordnen, vergangenes und aktuelles Erleben in Worte zu fassen, Handlungen zu reflektieren und Affekte zu regulieren. Sind diese Voraussetzungen nicht oder noch nicht gegeben, dann ist der Übergang aus einer Lebenshaltung in eine Lebenshandlung freilich erschwert. Aus diesem Umstand jedoch umgekehrt abzuleiten, dass wenn einer denkt, er denkt, er dann ausschließlich nur denkt, dass er denkt – dann ist das, denken wir, aus unserer Sicht ein Denkfehler.