Osnabrücker Persönlichkeitsdiagnostik für die Krisenprävention – Teil 2

Investiert ein Mensch in Krisenprävention durch eine Vorausschau auf in der kommenden Lebensphase nicht vollends auszuschließender und bei ihrem Eintreten äußerst belastender Ereignisse, dann aktiviert er nach und nach

  • sein ‚Empfindungssystem‘ [was ist das, was sich für mich als Krise darstellen würde?],
  • sein ‚Denksystem‘ [was wäre zu planen, um die Wirkung einer potenziellen Krisensituation zu mindern?],
  • sein ‚Fühlsystem‘ [wofür ist es gut, dass ich mich mit meiner ganzen Lebenserfahrung auf Situationen dieser Art einstelle?] und
  • sein ‚Intuitionssystem‘ [wie muss ich mich vorbereiten, so dass ich in einer solchen Situation im Einklang mit mir selbst bleibe?]

Ein zentraler Aspekt der Krisenprävention ist die Bewusstwerdung der eigenen Affekt- und Stimmungslage in Krisen. Zweifelsfrei triggert eine Krise durch ihre Belastung das ‚Empfindungssystem‘ und die mit diesem System verbundene negativ-ernste Stimmung und Affektlage. Dieser negative Affekt [z.B. Wut, Angst, Trauer] ist in einer realen Krise derart stark, dass er oftmals den Zugang zum ‚Denksystem‘ mit seiner eher nüchtern-sachlichen Stimmung versperrt. In der Krisenprävention jedoch kann dieser traumatisierende Effekt vorbeugend mentalisiert werden, zum Beispiel in der Form, dass eine Person lernt, sich die für sie passenden Leitsätze zu formulieren, die einen stabilisierenden Beitrag leisten können, käme die Person in eine Krisensituation.

Wir arbeiten in diesem Kontext mit einer auf dem Personality Pattern Inventory von Taibi Kahler beruhenden Methode der Erfassung individueller psychischer Bedürfnisse unter Stress. Da diese Bedürfnisse im Alltagsgeschehen von Menschen vorhersagbar verbalisiert werden, lassen sich präventiv auch diejenigen passenden Sätze finden und formulieren, die einen Beitrag zur Bedürfnisbefriedigung auch unter massivem Stresseinfluss leisten. Um diese Sätze zu formulieren, braucht es jedoch eine gelassene-selbstberuhigte Stimmung – diese wiederum ist in einer Krise nicht gegeben, bei präventiver Vorgehensweise jedoch schon. In einer solchen stressbefreiten Stimmung vermag es eine Person zudem, respektvoll auf ihr bisheriges Leben zu schauen, Ressourcen zu entdecken und sich ihrer Werte bewusst zu werden.

Ist dieser Klärungsprozess vollzogen, beginnt die Arbeit an den handlungsleitenden Sätzen. Dies sind Aussagen darüber, was eine Person trotz eines massiv belastenden Erlebnisses für sich bewahren und verteidigen will. Empfindet die Person diese Sätze als stimmig und passend, so stellt sich damit ein tiefes positives Gefühl ein.

Die Erkenntnisse aus der Forschung von Professor Kuhl, dem Entwickler der Osnabrücker Persönlichkeitsdiagnostik, zeigen: Die vier psychischen Funktionssysteme ‚Empfinden‘, ‚Fühlen‘, ‚Denken‘ und ‚intuitives Handeln‘ sind in ihren Wechselbeziehungen allesamt mit Affekt- bzw. Stimmungslagen verbunden. Im Krisenkontext ist zumeist das ‚Empfinden‘ mit seinem negativ-ernsten Affekt besonders aktiv, nur langsam stellt sich das ‚Denken‘ mit seinem nüchternen Affekt auf die eingetretene Lage ein. Im therapeutischen oder beratenden Begleitprozess wird dann daran gearbeitet, auch die anderen beiden Systeme wieder zu aktivieren und damit zur Entlastung der Person beizutragen.

Im Präventionskontext werden die Stimmungen durch Provokation [provocare: auffordern] aktiviert. Die Person lernt die eigenen erwartbaren psychischen Prozesse in Belastungssituationen kennen und Wege, die mit ihnen verbundenen Affekte zu regulieren. Dies wiederum wird nicht künstlich trainiert, sondern durch Klärung der individuellen Werte, deren Erhalt letztlich jedem Menschen die Kraft spendet, um auch schwierigsten Situationen zu trotzen.

Die Fähigkeit des Menschen, Affekte zu regulieren, nennen wir Selbststeuerungskompetenz. Ihr kommt im Krisenkontext eine überragende Bedeutung zu. Sie jedoch erst dann aufbauen zu müssen, wenn sie an sich bereits erforderlich wäre, ist in der heutigen Zeit, in der Krisensituationen schneller und – aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung – auch häufiger zu erwarten sind, keine gute Idee.
[wird fortgesetzt]