Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 4

„Unter den zwei Verhaltensweisen, die beide ursprünglich aus dem instinktiven Verhalten hervorgehen, das ‚gewohnheitsmäßige‘ und das ,intelligente‘ Verhalten, stellt das ‚gewohnheitsmäßige‘ die dritte psychische Form dar. Der Inbegriff der Tatsachen, der Assoziation, Reproduktion, des bedingten Reflexes, d.h. jene Fähigkeit, die wir als ‚assoziatives Gedächtnis‘ bezeichnen.“

Assoziatives Gedächtnis ist „in irgendeinem Grad bereits bei allen Tieren tätig.Eng verbindet sich das Prinzip des assoziativen Gedächtnis vom ersten Augenblick seines Auftretens an mit der Handlungs- und Bewegungsnachahmung auf Grund des Affektausdrucks und der Signale des Artgenossen. ,Nachahmung‘ und ,Kopieren‘ sind nur Spezialisierungen jenes Wiederholungstriebes, angewandt auf fremdes Verhalten und Erleben, der zunächst eigenen Verhaltensweisen und Erlebnissen gegenüber tätig ist und sozusagen den Dampf alles reproduktiven Gedächtnisses darstellt. Durch die Verknüpfung beider Erscheinungen bildet sich erst die wichtige Tatsache der ‚Tradition‘.

„Das Prinzip der Assoziation ist im Verhältnis zur praktischen Intelligenz noch ein relatives Prinzip der Starrheit und Gewohnheit. So ist es im Verhältnis zum Instinkt also bereits ein mächtiges Werkzeug der Befreiung.“ [Anmerkung: Und damit wird Assoziation zu einem zentralen Aspekt auch in der Bewältigung von Krisensituationen. Krisenbegleiter sind damit immer auch ein Stück ‚Assoziationsermöglicher‘]

„Wo immer die Natur diese neue psychische Form des assoziativen Gedächtnisses aus sich hervorgehen ließ, hat sie zugleich das Korrektiv für ihre Gefahren schon in die ersten Anlagen dieser Fähigkeiten mit hineingelegt. Dieses Korrektiv ist nichts anderes als die prinzipiell noch organisch gebundene praktische Intelligenz, wie wir sie nennen wollen – die vierte Wesensform des psychischen Lebens. Eng mit ihr einher geht die, ebenso noch organisch gebundene Wahlfähigkeit und Wahlhandlung.“

Bezug zur Krise:
„Ein Lebewesen verhält sich ,intelligent‘, wenn es ohne Probierversuche ein ’sinngemäßes Verhalten‘ neuen, weder art- noch individualtypischen Situationen gegenüber vollzieht, und zwar plötzlich und vor allem unabhängig von der Anzahl der vorher gemachten Versuche, eine triebhaft bestimmte Aufgabe zu lösen.“ [Mit anderen Worten: Sinnhaftigkeit geht stets vor Triebhaftigkeit, wenn es um die Überwindung von Krisen geht.]

[wird fortgesetzt]