Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 6

Wesensmerkmal des Menschen: Existentielle Entbundenheit

„Stellen wir hier an die Spitze des Geistbegriffs seine besondere Wissensfunktion, dann ist die Grundbestimmung eines geistigen Wesens seine existentielle Entbundenheit vom Organischen, seine Freiheit, Ablösbarkeit von dem Druck, von der Abhängigkeit vom Organischen, vom ,Leben‘ und allem, was zum Leben gehört – also auch von seiner eigenen triebhaften ,Intelligenz‘.

Ein ,geistiges‘ Wesen ist also nicht mehr trieb- und umweltgebunden, sondern ,umweltfrei‘ und ,weltoffen‘. Ein solches Wesen hat ‚Welt‘. Ein solches Wesen vermag ferner die auch ihm ursprünglich gegebenen ,Widerstands‘- und Reaktionszentren seiner Umwelt, die das Tier allein hat und in die es ekstatisch aufgeht, zu ,Gegenständen‘ zu erheben und das Sosein dieser Gegenstände prinzipiell selbst zu erfassen, ohne die Beschränkung, die diese Gegenstandswelt oder ihre Gegebenheit durch das vitale Triebsystem und die ihm vorgelagerten Sinnesfunktionen und Sinnesorgane erfährt.“

[wird fortgesetzt]