Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 9

„Der Mensch ist das Lebewesen, das kraft seines Geistes sich zu seinem Leben prinzipiell asketisch – die eigenen Triebimpulse unterdrückend und verdrängend – verhalten kann. Mit dem Tier verglichen, das immer ,Ja‘ zum Wirklichsein sagt – auch da noch, wo es verabscheut und flieht -, ist der Mensch der ‚Neinsagenkönner‘, der ewige Protestant gegen aIle bloße Wirklichkeit.“

„Nach meiner Überzeugung ist durch jene negative Tätigkeit, jenes ,Nein‘ zur Wirklichkeit, jene Abstellung, Inaktivierung der Wirklichkeit und Bild gebenden Triebzentren keineswegs das Sein des Geistes, sondern gleichsam nur seine Belieferung mit Energie und damit seine Manifestationsfähigkeit bedingt. Als solcher ist der Geist in seiner ,reinen‘ Form ursprünglich ohne alle ‚Macht‘, ‚Kraft‘, ‚Tätigkeit‘. Um irgendeinen noch so kleinen Grad von Kraft und Tätigkeit zu gewinnen, muss jene Askese, jene Triebverdrängung und gleichzeitige Sublimierung hinzukommen.“

„Eben der Geist ist es, der bereits die Triebverdrängung einleitet, indem der idee- und wertgeleitete geistige ,Wille‘ den widerstreitenden Impulsen des Trieblebens die zu einer Triebhandlung notwendigen Vorstellungen versagt, um die Triebimpulse so zu koordinieren, dass sie das geistgesetzte Willenprojekt ausführen, in Wirklichkeit überführen. Diesen Grundvorgang nennen wir ‚Lenkunq‘, die in einem ,Hemmen‘ und ,Enthemmen‘ von Triebimpulsen durch den geistigen Willen besteht. Was aber der Geist nicht vermag, ist dies: selbst irgendwelche Triebenergie erzeugen oder aufheben, vergrößern oder verkleinern.“

[wird fortgesetzt]