Archiv für den Monat: September 2015

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 9

„Der Mensch ist das Lebewesen, das kraft seines Geistes sich zu seinem Leben prinzipiell asketisch – die eigenen Triebimpulse unterdrückend und verdrängend – verhalten kann. Mit dem Tier verglichen, das immer ,Ja‘ zum Wirklichsein sagt – auch da noch, wo es verabscheut und flieht -, ist der Mensch der ‚Neinsagenkönner‘, der ewige Protestant gegen aIle bloße Wirklichkeit.“

„Nach meiner Überzeugung ist durch jene negative Tätigkeit, jenes ,Nein‘ zur Wirklichkeit, jene Abstellung, Inaktivierung der Wirklichkeit und Bild gebenden Triebzentren keineswegs das Sein des Geistes, sondern gleichsam nur seine Belieferung mit Energie und damit seine Manifestationsfähigkeit bedingt. Als solcher ist der Geist in seiner ,reinen‘ Form ursprünglich ohne alle ‚Macht‘, ‚Kraft‘, ‚Tätigkeit‘. Um irgendeinen noch so kleinen Grad von Kraft und Tätigkeit zu gewinnen, muss jene Askese, jene Triebverdrängung und gleichzeitige Sublimierung hinzukommen.“

„Eben der Geist ist es, der bereits die Triebverdrängung einleitet, indem der idee- und wertgeleitete geistige ,Wille‘ den widerstreitenden Impulsen des Trieblebens die zu einer Triebhandlung notwendigen Vorstellungen versagt, um die Triebimpulse so zu koordinieren, dass sie das geistgesetzte Willenprojekt ausführen, in Wirklichkeit überführen. Diesen Grundvorgang nennen wir ‚Lenkunq‘, die in einem ,Hemmen‘ und ,Enthemmen‘ von Triebimpulsen durch den geistigen Willen besteht. Was aber der Geist nicht vermag, ist dies: selbst irgendwelche Triebenergie erzeugen oder aufheben, vergrößern oder verkleinern.“

[wird fortgesetzt]

Der Patient in der Logotherapie hat ein unbedingtes Recht auf ein gelingendes Leben.
Und richtig ist, was gelingt.
Damit etwas gelingen kann, muss der Mensch zu seinem Selbst gelangen.
Über die Erkenntnis seines Selbst gelangt er zur Erkenntnis seines Sinns.
Über die Erkenntnis seines Sinns gelangt er zum Gelingen seines Lebens.
Darauf hat jeder Mensch ein unbedingtes Recht.

Ralph Schlieper-Damrich

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 8

Wesensmerkmale des Menschen: Gegenstandsunfähigkeit

„Der Mensch allein – sofern er Person ist – vermag sich über sich emporzuschwingen und von einem Zentrum gleichsam jenseits der raumzeitlichen Welt aus alles, darunter auch sich selbst, zum Gegenstand seiner Erkenntnis zu machen.“

„Der Geist ist das einzige Sein, das selbst gegenstandsunfähig ist – er ist reine, pure Aktualität, hat sein Sein nur im freien Vollzug seiner Akte. Das Zentrum des Geistes, die ,Person‘, ist also weder gegenständliches noch dingliches Sein, sondern nur ein stetig selbst sich vollziehendes [wesenhaft bestimmtes] Ordnungsgefüge von Akten. Die Person ist nur in ihren Akten und durch sie.“

Alles Seelische ist gegenstandsfähig – nicht aber der Geistesakt, die Intentio, das die seelischen Vorgänge selbst noch Schauende. Zum Sein unserer Person können wir nur sammeln, zu ihm hin uns konzentrieren – nicht aber es objektivieren. Auch fremde Personen sind als Personen nicht gegenstandsfähig.“

[wird fortgesetzt]

Der Patient in der Logotherapie hat ein Bild von seiner Welt.
Der Therapeut verschafft sich ein Bild. Und macht sich also ein Bild von einem Bild.
Dies ist niemals wahr, vielmehr eher verzerrt.
Die Zerrung reizt den Therapeuten, 
er sucht nach Wegen der Ent-Zerrung.
Dabei borgt er dem Patienten neue Bilder.

Der Patient in der Logotherapie findet in seiner Welt ein neues Bild.
Es ist nie das geborgte, sondern ein in ihm geborgenes.

Ralph Schlieper-Damrich

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 7

Wesensmerkmal des Menschen: Selbstbewusstsein / Selbstbewusstwerden

„Der geistige Akt, wie ihn der Mensch vollziehen kann, ist im Gegensatz zu der einfachen Rückmeldung des tierischen Leibschemas und seiner Inhalte wesensgebunden an eine zweite Dimension und Stufe des Reflexaktes. Wir wollen diesen Akt ,Sammlung‘ nennen und ihn und sein Ziel zusammenfassend ‚Selbstbewusstsein‘ nennen.

Das Tier hat Bewusstsein, im Unterschied von der Pflanze, aber es hat kein Selbstbewusstsein. Es besitzt sich nicht, ist seiner nicht mächtig – und deshalb auch nicht bewusst. Mit diesem Selbstbewusstwerden, dieser neuen Zurückbeugung und Zentrierung seiner Existenz, die der Geist möglich macht, ist das zweite Wesensmerkmal des Menschen gegeben.“

[wird fortgesetzt]

Impuls

Ein Patient in der Logotherapie sucht nach einem Weg, sein Leben wieder in Form zu bringen. Warum tut er das? Weil die Welt, in der er lebt, ihn nicht mehr überzeugt.
Darum – glaubt er – braucht es eine neue Form. In diesem Glauben jedoch irrt und verirrt er. Was ihm letztlich hilft? Dass er der Frage folgt, was er in der Welt, in der er lebt, erzeugt? Seine Antwort darauf ist seine Form.

Ralph Schlieper-Damrich

Max Scheler – und seine Kritik an der ‚Dualismus-Idee‘ des Rene Descartes

„Für die Neuzeit hat die klassische Theorie des Menschen ihre wirksamste Form gefunden in der Lehre des Descartes. Dadurch, dass dieser alle Substanzen in ,denkende‘ oder ,ausgedehnte‘ einteilte und lehrte, dass der Mensch allein aus diesen beiden in Wechselwirkung stehenden Substanzen besteht, hat Descartes in das abendländische Bewusstsein ein ganzes Heer von Irrtümern schwerster Art eingeführt.“

„Im äußersten Gegensatz dürfen wir sagen: Der physiologische und der psychologische Lebensprozess sind ontologisch streng identisch. Sie sind nur phänomenal verschieden – aber auch phänomenal streng identisch in den Strukturgesetzen und in der Rhythmik ihres Ablaufs. Die Kluft, die Descartes durch seinen Dualismus von Ausdehnung und Bewusstsein als Substanzen, zwischen Körper und Seele aufgerichtet hatte, hat sich heute fast bis zur Greifbarkeit der Einheit des Lebens geschlossen.“

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 6

Wesensmerkmal des Menschen: Existentielle Entbundenheit

„Stellen wir hier an die Spitze des Geistbegriffs seine besondere Wissensfunktion, dann ist die Grundbestimmung eines geistigen Wesens seine existentielle Entbundenheit vom Organischen, seine Freiheit, Ablösbarkeit von dem Druck, von der Abhängigkeit vom Organischen, vom ,Leben‘ und allem, was zum Leben gehört – also auch von seiner eigenen triebhaften ,Intelligenz‘.

Ein ,geistiges‘ Wesen ist also nicht mehr trieb- und umweltgebunden, sondern ,umweltfrei‘ und ,weltoffen‘. Ein solches Wesen hat ‚Welt‘. Ein solches Wesen vermag ferner die auch ihm ursprünglich gegebenen ,Widerstands‘- und Reaktionszentren seiner Umwelt, die das Tier allein hat und in die es ekstatisch aufgeht, zu ,Gegenständen‘ zu erheben und das Sosein dieser Gegenstände prinzipiell selbst zu erfassen, ohne die Beschränkung, die diese Gegenstandswelt oder ihre Gegebenheit durch das vitale Triebsystem und die ihm vorgelagerten Sinnesfunktionen und Sinnesorgane erfährt.“

[wird fortgesetzt]

Logotherapie als besondere Form beruflicher Seelsorge

Berufliche Seelsorge erfordert vom Besorgten den Willen zum Sinn, den Willen zum sinnvollen Handeln, die Bereitschaft, „trotzdem Ja zu sagen“. Wir verstehen, dass es in manchen Situationen wirklich schwer fallen kann, dem Sinn einen Raum zu geben. Wenn die Last fast erdrückt, dann ist die Arbeit am Sinn für viele Menschen eine vermeintlich weitere Anstrengung. Wir sehen in ihm jedoch gerade die Lösung für die Last und verstehen uns als beratende Logotherapeuten als Begleiter dafür, dass Menschen die Not, die sie spüren, wenden können. In den vergangenen Monaten zum Beispiel bei solchen Themen:

  • „Ich habe einige Jahre lang unsere Kunden zwar legal, aber unvollständig beraten. Dadurch haben diese Menschen in zum Teil hohe Risiken investiert und einige haben bereits große Nachteile erfahren. Wenn ich diese Praxis nun beende, dann ist mein Arbeitsplatz in Gefahr. Ich verspüre eine große Lethargie.“ männlich – 44 Jahre
  • „Als Herstellungsleiterin verantworte ich, dass ich gebotene Qualitätsmaßstäbe aus Kostendruck umgangen habe. Dadurch sind mir nun Umweltschäden offenkundig geworden – eine Korrektur ist zwar vorgenommen worden, aber mich treibt ein Gefühl der Unzulänglichkeit, wie weit ich mich von mir selbst bereits entfernt habe.“ weiblich – 41 Jahre
  • „Mit unseren Aufträgen im Messemanagement sind wir erfolgreich. Der Arbeitsanfall ist hoch, und die Überforderung meiner Mitarbeiter wahrnehmbar. Bei einem Mitarbeiter habe ich die gesundheitliche Situation nicht beachtet, er brach vor kurzem zusammen und war lange Zeit außer Gefecht gesetzt. Es war ihm nicht einmal möglich, bei der Beerdigung seiner Frau dabeizusein, die nach einer schweren Erkrankung verstarb. Ich fühle mich ganz mies.“ männlich – 49 Jahre
  • „Ich komme mit meinem Schicksal nicht zurecht. Zu einem Tag der offenen Tür in meinem Unternehmen habe ich auch einige Freunde mit deren Kindern eingeladen. Ein Kind kam dabei bei einer Maschinenvorführung zu Tode. Ich bin ganz verzweifelt, ohne meine Einladung wäre dies nicht geschehen.“ männlich – 53 Jahre
  • „In meinem Bereich Forschung und Entwicklung habe ich einige Studien bündeln und mit einer Gruppe hochqualifizierter Mitarbeiter zu ersten Teilerfolgen führen können. Die zu erwartenden Reaktionen auf dem Aktienmarkt haben mich zu einem Insiderhandel verlockt. Das hat letztlich zu meiner Kündigung geführt, ein Projekt konnte dadurch nicht mehr fortgesetzt werden und viele Beteiligte haben einen Schaden erlitten. Ich würde das gerne ungeschehen machen.“
    männlich – 47 Jahre
  • „Bei uns herrscht zuweilen ein harscher Ton, das weiß auch jeder, der die Arbeit bei uns aufnimmt. Vor einiger Zeit jedoch ist eine junge Kollegin durch einige anderer gemobbt worden, und ich habe nicht eingegriffen, obwohl ich gemerkt habe, dass hier Grenzen überschritten wurden. Mir hat es an Mut gefehlt und die Kollegin hatte es sehr schwer. Das tut mir leid und ich fühle mich schlecht.“ weiblich – 38 Jahre

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 5

„Das Wesen des Menschen und das, was man seine ,Sonderstellung‘ nennen kann, steht hoch über dem, was man Intelligenz und Wahlfähigkeit nennt, und würde auch nicht erreicht, wenn man sich diese Intelligenz und Wahlfähigkeit quantitativ beliebig, ja ins Unendliche gesteigert vorstellte. Aber auch das wäre verfehlt, wenn man sich das Neue, das den Menschen zum Menschen macht, nur dächte als eine zu den psychischen Stufen noch hinzukommende neue Wesensstufe psychischer Funktionen und Fähigkeiten, die zu erkennen in der Kompetenz der Psychologie und Biologie Iäge.“

„Das neue Prinzip steht außerhalb all dessen, was wir ,Leben‘ im weitesten Sinne nennen können, Das, was den Menschen allein zum ,Menschen‘ macht, ist nicht eine neue Stufe des Lebens, sondern es ist ein allem und jedem Leben überhaupt, auch dem Leben im Menschen entgegengesetztes Prinzip.“ […. und dieses Prinzip lautet, dass der Sinn, nach dem ein Mensch im Leben strebt, nicht in ihm, sondern außerhalb von ihm zu finden ist. Damit einem Menschen es möglich wird, den außer ihm liegenden Sinn zu finden, muss er die Veränderung vom Menschen zur Person vollziehen.]

Der Begriff ,Person‘

Das Aktzentrum aber, in dem Geist innerhalb endlicher Seinssphären erscheint, bezeichnen wir als ‚Person‘, in scharfem Unterschied zu allen funktionellen Lebenszentren, die nach innen betrachtet auch ,seelische‘ Zentren heißen.“ Über ‚Geist‘ verfügt nur der Mensch als Person, erst er begründet seine ‚Sonderstellung‘.

[wird fortgesetzt]