Seele – Reflexion und Persönliches – 3

Ich wurde im Oktober 1961 geboren, in dieser Zeit kam die Soulmusik immer mehr auch in Deutschland auf und verband Elemente des Rhythm & Blues mit Formen des Gospels. Mein Vater, der in amerikanischer Gefangenschaft war, hatte dort die Musik von Count Basie und Duke Ellington gehört und quasi in unsere Familie importiert. Ich hörte diese Musik und später auch James Brown, Aretha Franklin bis hin zu Stevie Wonder – diese Musik machte etwas mit mir und meiner Stimmung, aber Seelen-Klarheit im Sinne einer Begriffsklarheit fand ich nicht. Bis mir einging, dass „Verstehen“ vielleicht auch nicht das Wesentliche sein könnte. Und so begann ich zu suchen, wann ich Seele spürte. Und auch heute merke ich, dass manche Erzählungen über diese, meist sehr kleinen Erlebnisse von anderen Menschen als „romantisch“ bewertet werden. Zum Beispiel mein alltäglicher Gang zur Schule, auf dem ich im Frühling immer an einem großen Ginsterfeld vorbeiging und dessen Duft, Wärme und Farbe mich meist so anrührte, dass ich mir förmlich selbst einen Klaps geben musste, um noch rechtzeitig zur Schule zu kommen. Da war mehr als „nur Form und Natur“, in diesen Momenten gab es ein ganz tiefes Empfinden, „gut aufgehoben zu sein“. Es mag sein, dass die Soulmusik meinem Vater ein ähnliches Empfinden vermittelte.

Wenn ich heute über Seele spreche oder in Coaching oder Therapie mich um eine Seele sorge, dann nutze ich dazu nicht den Weg des Verstandes, sondern den Weg des Gespürs. Ich nehme dazu eine phänomenologische Haltung – vielleicht auch spirituelle Haltung – ein, die neugierig ist auf das, was Menschen finden, wenn sie ihrer oder einer Seele begegnen.

Eine Frau schrieb mir jüngst, dass sie ihre Seele erlebt, wenn im Park ein Hund auf sie zuläuft. Und dass sie sie nicht erlebt, wenn sie ihren Vater besucht. Von dieser Frau stammt auch der Satz: „Wer den Menschen kennt, der liebt das Tier.“ Was diese Frau offensichtlich spüren kann, ist so etwas wie ein Öffnen und Schließen von „etwas in uns“. Wir spüren, etwas zieht die Seele an oder hält sie von etwas ab. Und ich fragte mich oft als aufgeklärter Skeptiker, wenn mir so etwas ähnliches geschah wie dieser Frau – öffnet sich da meine Seele oder sind es bloß einfache Kommunikationssignale, die vom Gehirn dechiffriert werden und mir zum Beispiel anzeigen, dass es keinen Grund gibt, in den Widerstand oder in die Verteidigung zu gehen?

[wird fortgesetzt]