Seele – Seelsorge – Sinnsorge

Wenn die Begriffe Seele und Seelsorge fallen, dann wird mit ihnen zumeist die Berufsgruppe der Theologen in Verbindung gebracht. Dieser Rahmen ist jedoch zu eng gesteckt, denn die Seelsorgearbeit erstreckt sich bis in den ärztlichen, den therapeutischen und den familiären Bereich. Darüber hinaus sind in vielen „Klärungsberufen“, wie Berater, Trainer, Coachs, Mentoren oder Mediatoren deutliche Spuren der Seelsorgearbeit zu finden.

Unser eigener Hintergrund in unserer Therapiepraxis stammt aus dem klärenden und therapeutischen Kontext der sinnzentrierten Psychotherapie. Wir arbeiten ideologiefrei, überkonfessionell und humanistisch. Der Sinn unserer Arbeit besteht darin, dass Menschen ihren Sinn finden. Diese „Sinn“-Sorge wird für uns zu praktizierter und nachhaltiger „Seel“-Sorge.

Wenn wir über die Seele sprechen, dann nehmen wir dazu eine phänomenologische Haltung ein. Wir betrachten, was Menschen finden, wenn sie ihrer oder einer Seele begegnen. Hierbei ergänzen wir das, was dem Verstand zugänglich ist um die Qualität der Intuition – des Gespürs. So kam es jüngst in einem Gespräch zu einer Aussage eines Managers, der berichtete, dass aus seinem Kollegium eine Person plötzlich und völlig unerwartet verstarb, die Aufgaben dieser Person ebenso plötzlich ihm durch die Geschäftsleitung übertragen wurden und er diese Übertragung akzeptiert habe. Als er jedoch in der Folge wahrnahm, wie „sachlich“ die Geschäftsleitung mit dem Tod des Kollegen umging, bekam unser Gesprächspartner erhebliche Selbstzweifel: War es gerechtfertigt, das Werk des Verstorbenen „einfach so“ zu übernehmen? War es ihm gegenüber nicht unwürdig, so vorzugehen? Schamgefühle und ein Zweifel an der eigenen Glaubwürdigkeit waren seither seine Begleiter – die Seele war verkrampft und verschlossen.

Das Öffnen und das Schließen der Seele läßt sich rein gedanklich kaum genau rekonstruieren, auch dann nicht, wenn wir uns der Erfahrungen der Neurophysiologie annehmen, die beweist, dass im Körper Orte lokalisiert werden können, in denen Neurotransmitter derart wirken, dass wir Öffnendes zum Beispiel mit Entkrampfung und freier Atmung verbinden können, Verschließendes hingegen mit Verkrampfung und Atemproblemen. Die Konsequenzen dieser im Körper stattfindenden chemischen Prozesse können heute zwar gut diagnostiziert werden, nicht jedoch die „Chemie“ selbst, die beim Spüren des Öffnenden „stimmt“ oder beim Spüren des Verschließenden etwas im Menschen „verstimmt“. Die Manager und Führungskräfte, die ihre Seelenverstimmung uns gegenüber äußern, zeigen oft an, dass man sie in ihrem Umfeld nicht mit der Seele wahrnimmt, sondern sie auf „funktionierend, wissend, professionell und fit“ reduziert. Die Folge ist, dass der so „seelisch verletzt“ Lebende sich selbst zu schützen beginnt. Negative Formen dieses Schutzes sind das „Entlernen des Subtilen und das Lernen des Rigiden das Verkümmern der „atmosphärischen Intelligenz“ und der Aufbau einer „Überlebenstaktik“. Der sich so auf dem Weg zu einem noch tieferen Seelenverschluss wahrnehmende und sich selbst erschreckende Mensch, nimmt sich sehr eingeschränkt und in dieser Einschränkung erneut verletzbar und dadurch vorsichtig wahr. Kommt es auf dieser Basis zu einem Seelsorge-Gespräch mit uns, dann wird erst durch eine achtsame und vertrauensvolle Haltung eine seelische Öffnung langsam wieder ermöglicht.

Martin Buber sagte einmal, in jedermann sei etwas Kostbares, das in keinem anderen sei und er meint jenes innere Land, in dem sich Immanenz und Transzendenz berühren. Dieses innere Land – für uns die menschliche Seele – ein wenig erkunden zu helfen – das bedeutet für uns Sinn und Lebensfreude. Und dabei wollen wir gerne bescheiden bleiben, denn

„Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden,
auch wenn du gehst und jede Strasse abwanderst –
so tief ist ihr Sinn“.Heraklit