Keine Chance für die Seele

„Der Mensch hat keine Seele — er hat nicht einmal ein substanzielles Selbst“, sagt der Philosoph Thomas Metzinger und weiter sinngemäß: ‚Viele würden mir zustimmen, dass Personalität etwas ist, das in Gesellschaften durch wechselseitige Anerkennungsbeziehungen zwischen rationalen Individuen konstituiert wird. Personen gibt es nicht einfach so, genauso wenig wie ‚den Geist‘. Phänomenale Zustände, die Erlebnisse selbst, basieren auf neuronalen Mustern, dynamisch aktiven Nervennetzen. Der Charakter des subjektiven Erlebens bleibt gleich, egal ob man etwas tatsächlich wahrnimmt oder nur eine Halluzination hat. Ob dieser Zustand auch Wissen ist, hängt von sozialen und äußeren Umständen ab. Externe Faktoren in Umwelt und Gesellschaft entscheiden, ob er als Halluzination, Krankheit, als Weisheit oder Heiligkeit gilt. Das bewusste, subjektive Erleben dieser Inhalte kann man vielleicht wirklich allein durch neuronale Funktionen erklären. Was wir heute noch das ‚Selbst‘ nennen, ist kein Ding, sondern ein Prozess. Man kann eine Identität nicht haben wie ein Fahrrad. Sie ist eine Beziehung, die jeder Mensch zu sich selbst hat. Wir finden aber nichts im Gehirn oder im Geist, was sich durch die Zeit hindurch hält und die Selbigkeit der Person garantiert, ihr Stabilität gibt und deswegen als Kern der Person gelten könnte. Der Mensch hat keine Seele, er hat ein phänomenales Selbstmodell.‘ [Das ganze Interview finden Sie hier]

Will ich es wollen, mich auf ein phänomenales Selbstmodell zu reduzieren? Will ich es wollen, mir die Landkarte meiner neuronalen Strukturen irgendwann auf dem Computer anschauen zu können und dann zu sagen: Das ist das, was Du denkst, was Du bist! Will ich meinem Gehirnbewusstsein mehr Einfluss zugestehen als meinem Geist?

Natürlich, ich nutze dieses riesige Organ, zum Beispiel jetzt, wo ich Saxophon spielen lerne. Vorher keine Noten kennend, geht es jetzt schon immer besser. Manche neuronale Verbindung wird neu gesetzt. Mein Gehirn nimmt Striche und Punkte und Notenschlüssel wahr, und es leitet Energie weiter an alle möglichen Stellen, damit der kleine linke Finger das tiefe B zum Tönen bringt. Aber, bringt die gelesene Note den Ton zum Tönen oder der vom Hirn zur Taste gesteuerte Finger? Oder tönt es so, weil ich mich im Moment des Spiels selbst vergesse, es durch mich hindurchtönt [per-sonare = durch-tönen]?

Mein Musiklehrer – so empfinde ich seine Mimik, während er schweigt – spürt es, wenn mein Ego bläst und wenn mein Ich. „Vernunft kommt von ‚vernehmen‘, niemand aber kann etwas vernehmen, wenn er nicht schweigt; nur der Schweigende hört“. Ob der ‚Philosoph‘ Metzinger das Zitat seines Kollegen Pieper [Autobiographische Schriften, Band 2] wohl je begriffen hat?