Krise und Therapieschulen

‚Wenn einer eine Krise hat,
dann kann er was erleben.‘

Auf der Höhe empfundener Belastung suchen krisenbetroffene Menschen vielleicht erstmals in ihrem Leben die Unterstützung eines Therapeuten. Man kennt womöglich niemanden dieses Berufsstandes persönlich, vielleicht auch niemandem, von dem man weiß, dass er jemanden kennt. So bleibt der Blick in die Gelben Seiten oder ins Web. Aber wonach suchen? Psychotherapie ist nicht gleich Psychotherapie, muss ich auf die Coach oder kann ich eine andere Art der Zusammenarbeit erwarten?

Ein amerikanischer Arzt fragte Viktor Frankl einmal,
ob er imstande sei, ihm in einem Satz den Unterschied zu erklären
zwischen Psychoanalyse und Logotherapie.
Gewiss könne er das, antwortete Viktor Frankl,
doch zunächst solle der Arzt ihm in einem Satz sagen,
was Psychoanalyse ist.

„Nun, in der Psychoanalyse muss sich der Patient
auf die Couch legen und Dinge sagen,
die manchmal unangenehm zu sagen sind.“ 
Worauf Frankl erwiderte:
„Sehen Sie, in der Logotherapie
darf er sitzen bleiben – und muss Dinge anhören,
die manchmal unangenehm zu hören sind.“

Frankl verweist mit diesem Bonmot auf grundsätzliche Unterschiede, die zu wissen sich lohnt, bevor man an einen Therapiebeginn denkt. Psychoanalytische Schulen [Psychoanalyse nach Freud, Individualpsychologie nach Adler, Analytische Psychologie nach Jung] stellen die Verletzbarkeit des Menschen in den Vordergrund. Eine Krise wird aus dieser Perspektive dann zu einer, wenn ein äußeres Ereignis auf einen unbewussten, nicht aufgelösten inneren Konflikt [oftmals mit Elternteilen] oder auf ein Grundproblem [zum Beispiel Minderwertigkeitsempfinden] trifft und die bisher funktionierenden Formen der Belastungsabwehr brüchig werden. Die therapeutische Arbeit startet also beim bewussten Konflikt und richtet sich dann aus auf das der Person unbewusste Grundproblem, um dieses zu bearbeiten.

Die verhaltenstherapeutischen Schulen orientieren sich nicht an diesem vergangenheitsorientierten Konzept, sondern wenden sich der gegenwärtigen Störung als solcher zu. Hier steht im Fokus, die Verhaltensweise in bisher unpassenden Bewältigungsversuchen abzulegen und gegen eine passendere zu verändern. Den damit verbundenen Lernprozess begleiten Verhaltenstherapeuten engmaschig und mit konkreten ‚Hausaufgaben‘.

Für sinnzentriert arbeitende Therapeuten der 3. Wiener Schule für Psychotherapie nach Viktor Frankl [Logotherapie] steht das Thema Krise im Kontext eines Verlustes existenzieller Lebensqualität und -freude. Im Kern steht hier die Frage im Raum, wie der betroffene Mensch den nicht wirklich verloren gegangenen, aber verloren geglaubten Sinn im Leben wiederfindet und ihn durch konkretes Handeln neu ausgestaltet. Aus logotherapeutischer Arbeitshaltung heraus hat jeder Mensch ein Recht auf ein gelingendes, sinnerfülltes Leben. Dem persönlichen Empfinden von Tragik stellt diese Therapie den unzerstörbaren Sinn menschlichen Lebens gegenüber – der Therapeut unterstützt den Menschen dabei, ‚trotz aller Last‘ im Einklang mit seinen Werten ein freies und verantwortetes Leben zu leben.