Krisentheorie quo vadis

Wer meint, dass die letzten umbruchartigen Jahrzehnte die Wissenschaft aufgerufen hätte, eine theoretische Weiterentwicklung des Krisenverständnisses vorzunehmen, sieht sich vor einem großen leeren Blatt. In den 90er Jahren war es zuletzt Ciompi, der Aspekte der damals aktuellen Chaostheorie auf das Phänomen ‚Krise‘ legte – nicht zuletzt, weil beide Perspektiven auf nicht-lineare Entwicklungssprünge hinweisen, die Unberechenbarkeit quasi den Kern der Sache auszeichnet.

Damit war es aber auch schon vorbei mit der Krisentheorieforschung. Die meisten Publikationen betreffen seither thematisch differenzierte Krisensituationen, Krisenanlässe, Kriseninterventionen und Krisenberatungen. Unser eigener Forschungsschwerpunkt liegt im Themenfeld der ‚individuellen Krisenprävention‘ [womit wir nicht Vorsorge oder Versicherung meinen], in dem es bislang keinen nennenswerten Vorstoß gab und für das wir ab 2017 mit unserem Angebot Life2Me eine praktische Konkretisierung vorlegen werden.

Krisenberatungsarbeit für unmittelbar betroffene Menschen adressiert vorrangig das Thema ‚Bewältigung‘ [neudeutsch: Coping]. Wenn Menschen Krisen meistern wollen, dann brauchen sie dazu Ressourcen, die sie aber gerade dann nicht haben oder von denen sie nicht wissen, dass sie sie haben. Da dieser Mangel ‚gefühlt‘ wird, entsteht in der Folge ein Defizit an Zuversicht und Wirkkraft. Gestärkt wird ein solcher Mensch insbesondere dadurch, dass über das zu Bewältigende besonnen, klärend, strukturierend und Einsichten öffnend gesprochen wird. Das Ziel der Prozessarbeit besteht darin, von Mal zu Mal einen neuen Zustand zu bewirken, in dem der Mensch eine weitere Verbesserung seiner Situation psychisch oder physisch erwartet. Dazu tragen konkrete Schritte der Komplexitätsreduktion ebenso bei wie die Unterstützung beim Aufbau oder bei der Ansprache des sozialen Netzes. Die Bandbreite der zu vollziehenden Handlungen bemisst sich an den je individuellen Voraussetzungen, der Belastungsstärke und auch der Bereitschaft, sich überhaupt unterstützen zu lassen. Das Vorgehen in der Krisenberatung ist daher äußerst flexibel den Umständen anzupassen. Betroffene sollten wissen: Krisenintervention ist abhängig von der Institution, die sie anbietet – seien es therapeutische, karitative, seelsorgerische oder andere Anbieter. Es ist daher sehr ratsam, sich im Klaren darüber zu werden, wer wie helfen sollte, würde eine nicht mehr selbst unter Kontrolle zu bringende Belastungssituation eintreten. Diese Recherche-Zeit ist gut investiert, wir wissen das, weil wir die andere Seite kennen: Menschen, die sich anvertrauten und zum Teil nur mit viel Glück die passenden Ansprechpartner fanden oder eben auch Menschen, die sich nicht gut aufgehoben fühlten.