Archiv für den Monat: Oktober 2015

„Ein Optimist ist jemand, der genau weiß, wie traurig die Welt sein kann, während ein Pessimist täglich neu zu dieser Erkenntnis gelangt.“

Peter Ustinov

„Beziehungsgestaltung mit Kindern und Jugendlichen in Krisen muss selbstkritisch (nicht besserwisserisch), einfühlsam (nicht faktorenorientiert), annehmend (nicht mit Pseudotrost wegwischend), authentisch (nicht verkünstelt, gewollt) und sodann in förderlich-fordernden Ideenreichtum erfolgen. Dabei hat der Respekt vor der subjektiven Qualität von Krise eine Leitfunktion, der personenzentrierte Bezug auf Alter und Geschlecht des Kindes/ Jugendlichen schwingt in der Form der Beziehungsgestaltung (u.a. Wortwahl, Nähe und Distanzregulation) immer mit.“

C.M. Hockel

Life2Me® – Pilotphase hat begonnen

Life2Me® ist das erste integrative, individuelle und flexible Angebot zur Prävention destruktiver Auswirkungen persönlicher Krisen.
Unser Konzept folgt dem Gedanken, dass jeder Mensch trotz schwerer und womöglich extrem belastender Lebensereignisse ein gelingendes Leben verwirklichen kann.
In Life2Me®  wird die Haltung vertreten, dass Krisen für menschliche Entwicklungsprozesse nicht zwingend sind. Vielmehr steht dem Programm ein Menschenbild vor, das den Menschen als lernendes und nach Sinn suchendes Wesen versteht.

Life2Me® ist ein mehrstufiges und zeitlich frei gestaltbares Entwicklungsangebot für Menschen, die sich auf mögliche Krisen in ihrem Leben selbstbewusst vorbereiten möchten. Es integriert Persönlichkeitsbildung, Wissen über die Wirkung von Krisen und individuelle Krisenprävention zu einem einzigartigen Paket.

Eine erste Gruppe von Teilnehmern hat nun die Pilotphase des Programmes begonnen, mit der insbesondere die umfangreichen Auswertungsinformationen auf ihre Wirkung hin überprüft werden.
Eine zweite Gruppe wird dann Ende des Jahres hinzukommen, für die dann das Programm mit Integration der Feedbacks der ersten Gruppe zur Verfügung stehen wird.
Ab Anfang 2017 beginnt dann nach und nach der Roll-Out des Programms.

„Nun bist du mit dem Kopf durch die Wand.
Und was wirst du im Nachbarraum tun?“

Stanislaw Jerzy Lec

B E L L A

Das BELLA-Konzept der Krisenintervention nach Gernot Sonneck

Beziehung aufbauen
– den Betroffenen so nehmen wie er ist
– ihm anzeigen, dass ich mit ihm sprechen möchte
– nicht argumentierend diskutieren
– mir der eigenen Gefühle und ihre Ursachen im Klaren werden
– die eigenen Wertmaßstäbe hintanstellen
– objektivierende Distanz vermeiden

Erfassen der Situation/Informationen
– Fragen stellen über Ereignisse, Folgen, betroffene Personen
– Fragen stellen über Physisches (Schlaf, Ernährung, Schmerzen …)
– Fragen stellen über Psychisches (Gefühle, Selbstwert, Denkfähigkeit, Aktivität …) 
– Fragen stellen über frühere ähnliche Ereignisse und Befindlichkeiten
– Fähigkeiten und Möglichkeiten des Klienten erkunden (Hinweise auf Aktivität, Autonomie,
Selbstwert, soziale Integration)
– Gefahren für Leben, Gesundheit, Existenz des Klienten erkunden

Linderung der Symptome
– Symptome als Warnsignale des Körpers realisieren helfen
– den Betroffenen ermutigen, Gefühle zuzulassen 
– Probleme klar definieren
– Ängste bei der Realisierung von Lösungswegen bearbeiten
– Stresszustände mit passenden Methoden abbauen

Leute einbeziehen
– Aktivierung sozialer Ressourcen fördern

Ansatz zur Problembewältigung
– Hilfestellung bei wichtigen Entscheidungen bieten
– an bisherige Lösungsstrategien des Betroffenen anknüpfen
– Problemdefinition sehr genau vornehmen und auf das Wesentliche fokussieren
– Erste Veränderungen entscheiden lassen und mit konkretem Handlungsplan versehen

 

 

Die Burnout-Lüge

Vielfach wird Burnout in den unmittelbaren Zusammenhang gebracht mit einer ausbeuterischen, neoliberalen, einzig profitmaximierenden Leistungsgesellschaft, die die arbeitenden Menschen nachhaltig überfordert. Stichworte wie Selbst-GmbH, Enthierarchisierung, Mitarbeiter als Unternehmer, Globalisierungen und permanente Veränderungen, Flexibilisierungen, Beschleunigungen oder Verdichtungen deuten an, dass überindividuelle Zusammenhänge als Auslöser für Burnout auszumachen seien. Der Reflex lässt nicht lange auf sich warten: Der einzelne Mensch muss gegen diese Mächte aufrüsten – insbesondere mit Stressmanagement, das an der Oberfläche kratzt, im Kern jedoch die Frustration nur noch steigert, wenn die erlernten Tipps und Tricks an der Wirklichkeit verglühen.

Eine solche Feuer-Lösch-Strategie funktioniert bei echten psychischen Notlagen mit Krankheitswert nicht. Ebenso wenig wie Unternehmenswerte noch beherzigt werden, wenn ein Unternehmen sich am Marktgeschehen erschöpft. Oder wie Betriebliches Gesundheitsmanagement, das dann dem Spardiktat zum Opfer fällt, wenn die Kasse nicht mehr klingelt. Machen wir uns nichts vor – unsere Werkzeuge sind stumpf geworden, nicht nur weil es ihrer viel zu viele gibt, sondern weil mit ihnen jahrelang eines suggeriert wurde: Dass der einzelne Mensch sich die Arbeit der Werteklärung und Selbstaufklärung sparen kann, weil es eben so schöne Instrumente gibt, auf die zuzugreifen ja so einfach ist. Die Folgen spüren wir nun schmerzlich: Menschen sind voller Weltwissen, sind sich über sich selbst aber oft völlig unkundig. Menschen jagen Zwecken nach und verwechseln dies mit dem Sinn in ihrem Leben. Menschen fühlen sich fix und fertig und beklagen ihr Schicksal, schalten aber auch Durchzug, wenn es in eigener Sache etwas zu lernen und zu klären gilt. So bleibt Burnout leider vielfach das, was es ist: Machsal, vom Einzelnen gemacht und von keinem geschickt.

Jeder Mensch hat Bedingungen. Doch jeder Mensch kann sich so oder so diesen Bedingungen stellen. Dies sagt Viktor Frankl, und Recht hat er. Wer permanent meint, dass es nur so gehen muss, wer glaubt, dass die Bühnen des Lebens dazu da sind, die persönlichen Probleme zu lösen, der missachtet einen Grundsatz: Nicht das Leben ist vom Menschen zu befragen, sondern der Mensch ist der vom Leben Befragte. Er hat sein Leben zu beantworten. Wer dazu nicht bereit ist, der verbrennt sich irgendwann. Wer bereit ist, aber dazu einer Wegbegleitung bedarf, der findet in der Logotherapie und in der sinnzentrierten Krisenprävention die passende Unterstützung.

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Ingeborg Bachmann

Der sich entfremdende Mensch

Erlebt ein Mensch wesentliche Aspekte seines Personseins nicht mehr im Gleichgewicht, so sprechen wir von einer Entfremdungsneigung. Zu diesen Aspekten zählen Gewohnheiten, das Temperament, Bedürfnisse und Gefühle, kognitive Prozesse und Prozesse der Selbststeuerung, wie zum Beispiel die Wahlfreiheit oder die Gestaltungskraft. Nicht selten verlaufen Entfremdungsprozesse gleich auf verschiedenen Ebenen – so kann ein Mensch sich vom eigenen Körper als auch von eigenen Gefühlen entfremdet erleben.

In gesellschaftlichen Übergangsprozessen, so wie wir es heute in der Transformation der Industriegesellschaft in eine Informationsgesellschaft oder der Zu-/Abwanderungs- in eine Integrationsgesellschaft erleben, verschärfen sich individuelle Entfremdungspotenziale. Der Grund liegt darin, dass der Einzelne seine persönlichen Bedürfnisse, Werte und Lebenszwecke in einem neuen kulturellen Gesamtzusammenhang als verloren oder nur schwer anpassbar empfindet. Wird der dabei erforderliche Lernprozess als nicht leistbar angesehen und nehmen die Widersprüche der Normen und Werte der allseits zusammenzuführenden Teilsysteme zu, dann fördert dies die Zunahme individueller und kollektiver Entfremdungstendenzen.

Therapeutisch bedeutsam sind insbesondere die Entfremdungen vom eigenen Körper, bei denen die Person ihren Körper emotional nicht mehr wahrnimmt oder psychosomatische Störungen das Empfinden fördern, der Körper würde sich quasi autonom gegen das Wohlergehen seines Trägers richten.
Auch die Entfremdung von eigenen Gefühlen, dem Empfinden bislang der eigenen Person nicht zugerechneter Gefühle oder das Problem, überstarke Gefühle nur unzureichend regulieren zu können, sind Thema in der therapeutischen Beratung.
Oft sind diese Empfindungen gekoppelt mit einer Entfremdung von Bedeutungen, die man bislang wie selbstverständlich Bereichen des Lebens [Hobby, Sport, Gemeinschaft …] zuschrieb und denen nun Lebensformen entgegengestellt werden, von denen die Person sehr wohl weiß, dass diese nicht zu einem gelingenden Leben beitragen [Süchte aller Art, Hyperreflexion [Grübeln und Gedankenschleifen], Abhängigkeiten …]. Auch Isolation oder ein unbedachtes Sich-Hingeben in Beziehungen, die die eigene Person nachhaltig schädigen, sind in diesem Zusammenhang weitere Entfremdungsindizien.

Ein höheres Risiko der Entfremdung tragen Menschen, die wir als ‚lageorientiert‘ beschreiben. Diese Menschen machen gehäuft den Fehler, dass sie Fremdgewähltes (z.B. die vom Vorgesetzten ausgesuchten Tätigkeiten) für selbstgewählt halten. Diese Neigung der Lageorientierten tritt dabei gerade dann auf, wenn sie in negativer Stimmung sind.
Die Lösung? Wiederherstellen des Sinnempfindens [hier ist die Logotherapie die Methode der Wahl] mit der Wirkung, eine stärkere selbstgesteuerte Handlungsorientierung aufzubauen.

Wunsch – Zweck – Sinn

Ich wünsche mir eine gute Beziehung zu einem anderen Menschen. Aber will ich sie auch? Ich wünsche mir mehr Anerkennung für meine Leistung. Aber will ich sie auch? Ich wünsche mir größere Freiheitsgrade. Aber – will ich sie auch?

Zwischen wünschen und wollen erscheint eine größere Kluft als umgangssprachlich angezeigt. Zumeist wird davon ausgegangen, dass der, der sich etwas wünscht, das Gewünschte auch will. Was aber, wenn man sich zum Beispiel Tage der Erholung wünscht, dann jedoch nichts dafür tut, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht – wenn dem Wunsch keine Handlung folgt? Wie wird also aus einem Wunsch ein Wille?

Für Führungskräfte ist diese Frage zentral, wünschen sich doch viele ihrer Mitarbeitenden einen sicheren, gestaltungsreichen, finanziell interessanten, zukunftsrobusten Arbeitsplatz. Aber – wollen sie ihn auch?

Herr, mein Wille geschehe.

Höhere Tiere haben Wünsche, zum Beispiel ‚mit Freunden eine Runde Canasta zu spielen‘ oder ‚einen lange schon nicht mehr gesehenen Spielfilm anzuschauen‘. Höhere Tiere hemmen die Erfüllung eines Wunsches zugunsten der Erfüllung eines anderen, oder anders ausgedrückt: Ein Trieb siegt. Zutiefst menschlich ist hingegen das Vermögen, eigene Wünsche bewerten zu können und über den Vollzug der Bewertung etwas als wollenswert anzusehen.

Mit der Art seiner Wunschbewertung bezieht sich der Mensch auf sich selbst. Einer Wunschbewertung geht immer eine Selbstbewertung voraus. Wünsche ich mir eine anspruchsvolle Projekttätigkeit und bewerte dazu eine vorliegende Option, dann bewerte ich zuerst Aspekte meiner selbst, insbesondere meine Gefühle. Erst dann setze ich aus dieser Wertung heraus Energien frei, die als fester Wille, diese Tätigkeit auch auszuüben, interpretiert werden können.

Gewolltem Handeln geht also Selbstbewertung voraus und diese Bewertung kann quantitativ und qualitativ vollzogen werden. Eine quantitative Selbstbewertung findet zum Beispiel dann statt, wenn ich meine Kompetenzen, mein Wissen in den Vergleich mit anderen Personen rücke, die sich wie ich eine bestimmte berufliche Tätigkeit wünschen. Oder wenn ich reflektiere, wie viel ich in meine Qualifizierung investiert habe und nun einen Gegenwert für diesen Aufwand erwarte.

Eine qualitative Selbstbewertung hingegen wird offenkundig, wenn ich zum Beispiel eine Bewerbung für eine Tätigkeit zurückziehe, um damit einer anderen Person zu helfen, ein existenzielles Problem zu lösen. Der Wille zur Hilfe steht dann höher als der Wunsch für eine berufliche Tätigkeit. Willentlich derart zu handeln, dabei gegebenenfalls auch negative Gefühle zu überwinden [vielleicht, weil die andere Person sich zu einem früheren Zeitpunkt mir gegenüber nicht angemessen verhielt], erhält zumeist andere Zuschreibungen von Dritten wie: edel, tief, reif, frei, groß, stark.

Eine starke, qualitative Wertung gibt Auskunft über das ‚Wozu ist die Handlung gut‘, eine quantitative über ‚Welchem Zweck dient die Handlung?‘

Unter einem Zweck verstehen wir den Grund für zielgerichtete Handlungen unter dem Einfluss einer erwarteten Wirkung, die so stark ist, so dass das Bestreben, das Ziel zu erreichen, mit einer dafür ausreichenden Ressource unterstützt wird. Wer also etwas bezwecken will, muss auch die dem Zweck gemäßen Mittel wollen. Wer die Mittel nicht einzusetzen bereit ist, der will nicht – der wünscht bestenfalls.

Unter einem Sinn verstehen wir den ‚guten‘ Grund für wertebasierte Handlungen unter dem Einfluss einer stets gegebenen Wahlmöglichkeit, wobei sich der Handelnde in seiner sinnerfüllten Wahl einer anderen Person oder Sache hingibt. Wer dieses Gute nicht anzustreben bereit ist, der will nicht zutiefst – der bezweckt bestenfalls.

Wünscht sich eine Person nun eine berufliche Tätigkeit und artikuliert sie dabei eine quantitativ geprägte Selbstbewertung, so wird sie das, was sie wünscht, bereits als gut [im Sinne ‚gut für meine Zwecke‘] deuten.

Wünscht sie auf der Basis einer qualitativen Selbstbewertung, so kann sie erkennen, ob die Erfüllung des Wunsches für die Verwirklichung eigener, ihrem Wesen entsprechender Werte förderlich ist – letztlich, ob sie eine bestimmte Art von Person sein will. Bemerkt sie dabei, dass der Wunsch zum Beispiel nach einer bestimmten Tätigkeit im Unternehmen sie selbst kompromittiert – vielleicht weil ein Streben nach Erfüllung dieses Wunsches wissentlich zu einer seelischen Verletzung einer anderen Person führen würde –, so kann sie wollen, dem Wunsch nicht weiter zu folgen. Eine solche Person kann sich selbst gegenüber ein Veto einlegen. Oder nach Viktor Frankl: Eine Person muss sich von sich selbst doch nicht alles gefallen lassen.

Wann haben Sie zum letzten Mal zu sich selbst gesagt: Herr, mein Wille soll nicht geschehen?