Archiv für den Monat: Oktober 2015

Keine Chance für die Seele

„Der Mensch hat keine Seele — er hat nicht einmal ein substanzielles Selbst“, sagt der Philosoph Thomas Metzinger und weiter sinngemäß: ‚Viele würden mir zustimmen, dass Personalität etwas ist, das in Gesellschaften durch wechselseitige Anerkennungsbeziehungen zwischen rationalen Individuen konstituiert wird. Personen gibt es nicht einfach so, genauso wenig wie ‚den Geist‘. Phänomenale Zustände, die Erlebnisse selbst, basieren auf neuronalen Mustern, dynamisch aktiven Nervennetzen. Der Charakter des subjektiven Erlebens bleibt gleich, egal ob man etwas tatsächlich wahrnimmt oder nur eine Halluzination hat. Ob dieser Zustand auch Wissen ist, hängt von sozialen und äußeren Umständen ab. Externe Faktoren in Umwelt und Gesellschaft entscheiden, ob er als Halluzination, Krankheit, als Weisheit oder Heiligkeit gilt. Das bewusste, subjektive Erleben dieser Inhalte kann man vielleicht wirklich allein durch neuronale Funktionen erklären. Was wir heute noch das ‚Selbst‘ nennen, ist kein Ding, sondern ein Prozess. Man kann eine Identität nicht haben wie ein Fahrrad. Sie ist eine Beziehung, die jeder Mensch zu sich selbst hat. Wir finden aber nichts im Gehirn oder im Geist, was sich durch die Zeit hindurch hält und die Selbigkeit der Person garantiert, ihr Stabilität gibt und deswegen als Kern der Person gelten könnte. Der Mensch hat keine Seele, er hat ein phänomenales Selbstmodell.‘ [Das ganze Interview finden Sie hier]

Will ich es wollen, mich auf ein phänomenales Selbstmodell zu reduzieren? Will ich es wollen, mir die Landkarte meiner neuronalen Strukturen irgendwann auf dem Computer anschauen zu können und dann zu sagen: Das ist das, was Du denkst, was Du bist! Will ich meinem Gehirnbewusstsein mehr Einfluss zugestehen als meinem Geist?

Natürlich, ich nutze dieses riesige Organ, zum Beispiel jetzt, wo ich Saxophon spielen lerne. Vorher keine Noten kennend, geht es jetzt schon immer besser. Manche neuronale Verbindung wird neu gesetzt. Mein Gehirn nimmt Striche und Punkte und Notenschlüssel wahr, und es leitet Energie weiter an alle möglichen Stellen, damit der kleine linke Finger das tiefe B zum Tönen bringt. Aber, bringt die gelesene Note den Ton zum Tönen oder der vom Hirn zur Taste gesteuerte Finger? Oder tönt es so, weil ich mich im Moment des Spiels selbst vergesse, es durch mich hindurchtönt [per-sonare = durch-tönen]?

Mein Musiklehrer – so empfinde ich seine Mimik, während er schweigt – spürt es, wenn mein Ego bläst und wenn mein Ich. „Vernunft kommt von ‚vernehmen‘, niemand aber kann etwas vernehmen, wenn er nicht schweigt; nur der Schweigende hört“. Ob der ‚Philosoph‘ Metzinger das Zitat seines Kollegen Pieper [Autobiographische Schriften, Band 2] wohl je begriffen hat?

Berufliche Seelsorge

Eine berufliche Seelsorge soll zu einer Veränderung im seelischen Zustand eines Menschen führen. Dabei hilft in einem ersten Schritt, dass mitgeteilte Belastung geteilte Belastung ist. Im zweiten Schritt jedoch wird die Verantwortung deutlich, die der Mensch dafür hat, seine Not zu wenden. Hierzu braucht es Überwindung und Selbstüberwindung. Gute Kräfte, um sich zu überwinden, sind Hoffnung und Glaube. Mit diesen Selbstbejahungsressourcen fällt es leichter, das ein oder andere Hindernis zu meistern.

An dieser Stelle ist sprachliche Klarheit hilfreich. Die weithin synonym verwendeten Begriffe Psyché und Seele trennen wir voneinander. Die mit dem Tod vergängliche Psyche umfasst die Grundemotionen Wut, Neid, Trauer, Ekel, Angst, Scham und Überraschung sowie damit verbundene Regungen und Verhaltensweisen wie Eifersucht, Ehrgeiz, Aggression, Oppositionssucht, Hass, Fanatismus und andere. Vielerorts wird dieser Aspekt menschlichen Lebens auch Triebseele genannt. Die Psychotherapie leistet für die Psyche Entlastungsarbeit.

Mit Seele hingegen adressieren wir den unvergänglichen Sinn im Menschen, das, was ihn überstrahlt – das, was weit mehr ist als seine einzelnen Handlungen, Erfolge, Probleme oder Mißgriffe. Dieser Aspekt des Lebens wird auch als Geistseele beschrieben. Im Moment des Verlustes, der Verfehlung oder der Trennung dominiert die Psyché und verleitet zu allerlei ‚Spielchen‘, Verdrängungen oder weiteren unguten Eskalationen. Die Begriffe ‚Rosenkrieg‘, ‚Mobbing‘, ‚deformation professionelle‘, Leugnung sind nur ein kleiner Ausschnitt der Palette. Was übrig bleibt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Da, wo die Seele spürt, dass etwas nicht mehr zu vereinbaren ist, dass sich etwas zusammen zieht und verkrampft, da ist Seelsorge ein sinnvoller Weg. In der beruflichen Seelsorge ist unser Bestreben, dass der erkennende Geist unseres Gesprächspartners die Wahrheit der Situation erfasst. Ist er erfasst, dann ist für weiterer Zweifel kein Raum.

Zweifel, der aus der Seele kommt, braucht Überwindung. 
Überwundener Zweifel befreit die Seele und weitet sie.

„Jeder wahre Lehrer, jeder Arzt, jeder Therapeut,
aber auch jeder Seelsorger kennt den eigentümlichen
Sprung, der sich in seiner Beziehung zu dem ihm
aufgegebenen Menschen vollzieht in dem Augenblick,
in dem er nicht anders kann, als sich dem anderen
gegenüber selbst zu öffnen und nun durch sein
Amtskleid hindurch als der ganze Mensch hervortritt
und so dem anderen als er selbst begegnet.
Bei allen Gefahren, die damit verbunden sind – er
weiß und spürt es: Erst jetzt erreicht er den anderen
wirklich von Person zu Person.“

Karlfried Graf Dürckheim
Vom doppelten Ursprung des Menschen

Berufsseelsorge für Führungskräfte

Analog zu Viktor Franks ‚tragischer Trias‘ [Tod, Schuld, Leid] verstehen wir unter der ‚tragischen Berufstrias‘ die Belastungsthemen: ‚Verlust‘, ‚Verfehlung‘, ‚Trennung‘. Ein Verlust kann zum Beispiel darin bestehen, dass eine Managementfunktion oder eine geschätzte Person verloren wurde. Aber auch Gesichtsverlust, Ehrverlust oder das Empfinden, die Hoffnung verloren zu haben, sind Gesprächsthemen in unserer beruflich sinnzentrierten Seelsorge. Eine Verfehlung kann beispielsweise darin bestehen, einen anderen Menschen vor einem bestimmten Umstand nicht rechtzeitig gewarnt zu haben, eine eigene Verfehlung begangen zu haben, ein Versprechen nicht gehalten zu haben oder auch das Gefühl, an wichtiger Stelle nicht mutig genug gewesen zu sein. Eine Trennung schließlich kann zu einem Thema der Managerseelsorge werden, wenn man sich von Menschen getrennt hat, ohne deren persönliche Situation ausreichend berücksichtigt zu haben oder wenn im privaten Umfeld eine Trennung vollzogen wurde, die man nun bereut.

„Ich weiß nicht, wohin mit meinen Sorgen. Durch mein egoistisches Verhalten ist menschlicher Schaden entstanden. Das tut mir leid, aber das hilft niemandem. Ich habe keinen Menschen, mit dem ich mich auf neutrale Weise darüber austauschen kann, und von kirchlicher Seite erwarte ich keine passende Unterstützung.“

Sehr oft äußern Führungskräfte in den Gesprächen mit uns den Wunsch, man möge die Dinge ungeschehen machen oder es wäre schön, könnte man die Zeit zurückstellen, um dann in anderer Weise entscheiden oder handeln zu können. Meist werden in diesem Zusammenhang erhebliche Gewissensnöte erwähnt und ein gedankliches Kreisen um das belastende Thema. Häufig dauern diese Belastungen bereits lange an, und zuweilen haben unsere Gesprächspartner bereits das Umfeld, in dem die Situation eintrat, bereits verlassen – sei es altersbedingt oder durch einen Wechsel in ein anderes Unternehmen.

Seele – Reflexion und Persönliches – 14

Ob jüdisch, christlich, buddhistisch oder wie auch immer die Spiritualität eines Menschen geprägt sein mag, stets handelt es sich aus meiner Sicht um einen Weg des Individuums zu seinem hohen und höchsten Ziel, der sich einer jahrtausendealten chinesischen Weisheit verpflichtet fühlt:

Bevor du dich daran machst
die ganze Welt zu verbessern,
gehe drei Mal durch dein eigenes Haus!

Gehe in dein ‚Haus‘ hinein, ordne dort, was zu ordnen ist und dann geh hinaus in die äußere Welt und wirke, was du bewirken sollst! Hier und damit beginnt Spiritualität.

Das lateinische Verbum ’spirare‘ bedeutet hauchen, atmen. Spiritus also Hauch, Atem, Geist – die Nähe zum Seelenbegriff wird offenkundig. Die alten Römer wussten, dass ’spiritus‘ den ewigen Geist bedeutet und genau daraus leitet sich der Begriff Spiritualität ab. Den sogenannten Gehirn-Geist, den Verstand und den Intellekt, bezeichneten die Lateiner mit dem Wort ‚mens‘, wovon das Wort Mentalität abstammt. Der Spruch „mens sana in corpore sano“ bringt damit klar zum Ausdruck, dass ein gesunder Verstand in einem gesunden Körper wohnt [die Übersetzung des Spruches mit „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ ist mithin eine Fehldeutung]. Wenn also zum Beispiel in der Logotherapie Viktor Frankls von mentalen Störungen und nicht von Geisteskrankheiten gesprochen wird, dann findet sich in dieser Begriffsklarheit der entsprechende Hintergrund.

Seele und Spiritualität – beide sind für mich Qualitäten auf der Suche nach dem, was jeden einzelnen überschreitet. Meine eigene Suche zu Beginn meiner Entwicklung vollzog sich mehr auf der Ebene der Erklärungen und Deutungen. Heute steht das Phänomen Seele mehr im Sinne der ‚Formung einer Geistes-Haltung‘ im Fokus meines Interesses. Und für Sie?

Seele – Reflexion und Persönliches – 13

Das Wort Spiritualität bedeutet zunächst Geistigkeit – im Gegensatz zur Materialität. Einen spirituellen Weg zu gehen bzw. eine spirituelle Haltung dem Leben gegenüber einzunehmen heißt aber nicht, auf Materielles und auf Benutzung der Materie im weitesten Sinn zu verzichten. Eine geistige, eine spirituelle Haltung im eigentlichen Sinn setzt gerade voraus, das Geistige im physischen Leib, im Alltagsleben, in der Materie zu verkörpern.

Spiritualität bedeutet niemals die Leugnung der materiellen, der physisch-irdischen Realität, um dadurch allzu schnell sich aus dem Irdischen herauszulösen und in eine vermeintliche und eingebildete spirituelle, geistige Dimension einzutreten. Wahre, echte Spiritualität bleibt immer im fühlenden Kontakt mit den irdischen Wurzeln des Menschen: mit dem eigenen Körper, mit dem Beziehungsgeflecht Ich — Du — Wir und mit der ganzen irdisch-physischen Materie, die der Verkörperung des Geistes dient und nicht der Vergeistigung des Körpers oder der Materie. Alle Strebungen und Strömungen, die den Körper vergeistigen wollten und noch wollen,sind für mich spiritualistische Strebungen, aber nicht Spiritualität.

Spiritualität als Gesamthaltung zielt auf das Heiler-Werden des Menschen in seiner Gesamtheit. Spiritualität wird in einem Menschen irgendwann geweckt durch ein Ereignis oder Erlebnis und vollzieht sich dann als ein persönlich-individueller Reifungsprozeß. Dabei geht der Mensch einen inneren, aufwärts führenden Weg in Richtung seiner ureigenen Selbst-Entfaltung durch Sinnverwirklichung im Alltag. Hier gabeln sich auch die Wege von Religiosität und Spiritualität. In der Religiosität bleibe ich gebunden in der kulturellen Prägung eines Systems. Spiritualität befreit mich von diesem System und ermöglicht mir die Wahl, von der Frankl sagt: Ich bin nie frei von Bedingungen, aber ich bin immer frei, mich diesen Bedingungen gegenüber zu stellen.

[wird fortgesetzt]

Seele – Reflexion und Persönliches – 12

Die Seele liegt für mich außerhalb der beschreibungsfähigen Welt und nähert sich damit Worten wie Gott, All oder Licht. Drum:

Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.

(Gespräch zwischen Mephistopheles und Schüler, Faust, 1. Teil)

Martin Buber sagte einmal, in jedermann sei etwas Kostbares, das in keinem anderen sei und er meinte jenes innere Land, in dem sich Immanenz und Transzendenz berühren. Das ist mir eine gute Formulierung: Seele als jenes innere Land, in dem sich Immanenz …… (Immanenz (lat. immanere, „darin bleiben”) ist Gegenbegriff zur Transzendenz und bedeutet in der Philosophie Spinozas die Anwesenheit Gottes in der Welt, bei Kant in erkenntnistheoretischer Sicht das Verbleiben in den Grenzen möglicher Erfahrung) ……. und Transzendenz (Überschreiten von Grenzen des Verhaltens, Erlebens und Bewusstseins, sowie das Sichbefinden jenseits dieser Grenzen) berühren. Das Bild des Landes greift schon Heraklit auf: „Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden, auch wenn du gehst und jede Strasse abwanderst; so tief ist ihr Sinn“.

Der Reichtum der Seele ist dabei nur durch die Mitarbeit des Körpers erreichbar, seelisches Erleben wird also durch den Körper vermittelt – ein Faktum, das die moderne gehirnphysiologische Forschung eindrucksvoll beweist und damit gleichzeitig Gefahr läuft zu behaupten, dass Seelenkräfte durch das Gehirn hervorgebracht würden.

Weit mehr als wir es uns zuweilen wünschen oder es uns auf den ersten Blick vorstellen können, haben wir mit den Tieren gemeinsam. Unsere rein psychische Dimension kennt Regungen wie Ehrgeiz, Wettbewerb- und Oppositionssucht, Neid, Haß und Eifersucht, die alle den ewigen Seelenkräften Widerstand leisten. Doch genau aus diesem Widerstand heraus kommt Reife, Wachstum und Entfaltung – letztlich vielleicht auch die tiefe Sehnsucht nach einer Entwicklungsstufe, die höher ist als das bislang vorstellbare. Hier inhaltlich anzusetzen, ist aus meiner Sicht der Inhalt der Spiritualität.

[wird fortgesetzt]

Seele – Reflexion und Persönliches – 11

Und selbst, wenn ich mich dann einer Kategorie zuwenden will, zum Beispiel die der Gefühle, dann wird meist nur das benannt, was positiv und angenehm wirkt wie Freundlichkeit, Liebe, Treue, Ästhetik oder Wärme. Wut, List, Neid oder Bosheit, die wir bereits als der Psyche (der Tierseele im Menschen) zugeordnet haben, werden ausgeklammert.

Das artige Wesen, das entzückt,
Sich selbst und andre gern beglückt,
Das möcht ich Seele nennen.

Goethe macht mir hier lyrisch klar, dass Wittgenstein recht hat: Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt. Das, was uns die Worte beschreiben wollen, entspricht mir meist zudem das zu sein, was ich selbst nicht mit Seele in Verbindung bringe, sondern mit dem Begriff „Psyché“. Seele und Psyché werden meist identisch verwendet, in mir gibt es dazu einen Widerstand, der sich vielleicht erschließt beim Ergründen eines Gedichtes von Schneiderfranken über die Seele, die hier in meinem Empfinden über der Psyché liegt:

DIE SEELE

Die Seele kann ein Meer sein,
Aber auch — ein Tümpel,
Verjaucht und angefüllt
Mit irdischem Gerümpel

Ist sie ein Meer,
So hält sie, gleich den Meeren,
Sich selber immerfort bewegt und rein.
Ist sie ein See,
So wird in gleicher Weise
Sie selbst sich Klärung
Durch lebendige Bewegung sein.
Und auch als Teich
Kann sie sich selber klären,
Mag das nach Stürmen
Auch recht lange währen.

Ist sie jedoch ein Tümpel,
Gibt sie allem Abfall Raum,
Verwest als trüber Pfühl
Und — fühlt es kaum.

Die Seele kann ein Dom sein.
Aber auch — ein Stall,
Ein enger Pferch — und auch ein Weltenall
Durch alles, was sie geben kann,
Und was sie nimmt,
Wird ihr die innere Gestalt,
Und wird ihr Fassungsraum bestimmt.

Was ihrem Raume nicht entspricht,
Muß sie gelassen lassen. —Nur was er in sich faßt,
Kann sie in Wahrheit „fassen“

Zum Segen aber wird der Seele
Alles, was den Raum ihr weitet,
Und wieder Segen
Durch sie selbst verbreitet.

Doch muß sie ständig auf der Hut
Vor Neid und Hass und Härte sein,
Denn Neid wie Hass und liebelose Härte
Engt jeder Seele Raum bis zur Vernichtung ein.

[wird fortgesetzt]

Seele – Reflexion und Persönliches – 10

Demokrit lehrte, die Seele bestünde aus fernsten, beweglichen, runden Atomen, die zwischen den Körperatomen des Organismus eingelagert seien, während wiederum Descartes der Ansicht war, die Seele sei unausgedehnt. Nicht wenige Denker hielten die Seele gar nicht nur für eine Erscheinung, sondern gleich für zwei. Die Manichäer unterschieden zwischen einer „Lichtseele“ und einer „Leibesseele“, Wilhelm von Occam (der von Umberto Eco in seinem Roman „Der Name der Rose“ in der Gestalt des William von Baskerville zu sehen war) unterschied zwischen einer „sensitiven“‚ und einer „intellektiven“ Seele – aber das sei vielleicht seiner Vorreiterrolle in der Trennung von Staat und Kirche, dem Laizismus, geschuldet.

Ganz anders Kant, der erklärte, die „Seele“ sei nur „das Subjekt der Bewußtseinsprozesse“, sie sei kein „Ding an sich“. Gemeint ist damit, daß unser Gehirn an das Zusammenfassen von Erscheinungen in „Begriffe“ gewöhnt ist und schließlich daran glaubt, daß diese Begriffe – das Ergebnis seiner eigenen Tätigkeit – etwas Reales sind. Ein Beispiel: Eine Vielzahl von Bäumen nennen wir einen „Wald“. Das aber, was wir Wald nennen, sind nur eben zahlreiche beieinander stehende Bäume. Trotzdem bezeichnen wir diese geistige Zusammenfassung mit einem Hauptwort, wir machen es zu einem Subjekt, dem wir Eigenschaften beilegen. Der Wald ist dicht, er verfärbt sich, er wird abgeholzt. Ganz in diesem Sinne machen wir die Gesamtheit unserer „Innenerlebnisse“ zu einem „Subjekt, dem wir alle einzelnen Tatsachen des psychischen Lebens als Prädikate beilegen“.

Die „Seele“ ist demnach eher eine Abstraktion von Bewusstseinsvorgängen oder wie Friedrich Jodl, Vertreter des psychologistischen Positivismus und naturalistischen Humanismus, Ende des 19. Jahrhunderts bekräftigt: Nicht eine „Seele“ hat „Zustände oder Betätigungen, wie Empfinden, Vorstellen, Fühlen, Wollen, sondern die Gesamtheit dieser Funktionen eines lebendigen Organismus ist seine Seele“.

Auch Schopenhauer und Nietzsche waren dieser Ansicht. Das Wort Seele ist bloß ein Wort: ein Sammelbegriff für unser Innenerleben. Der antimetaphysisch, kritisch-rationalistisch argumentierende englische Philosoph David Hume sprach so von einer Vielheit der Wahrnehmungen in ständiger Veränderung und Bewegung ohne eigentlichen Träger.

In mir selbst erscheinen diese Erläuterungen über die Seele ebendiese in mir zu verkrampfen. Ich empfinde eine Wortmacht, die wirkt wie ein Machtwort – so hat Seele zu sein. Frage ich weiter, was sich zum Beispiel hinter den „Innenerlebnissen“ verbirgt, die „Seele“ ausmachen sollen, dann finde ich Kategorien in Form nächster Schubladen wie Denken, Wollen, Empfinden, Fühlen usw. wobei diese je nach Welt- und Menschenbild des jeweiligen Zeitgenossen ebenso verschieden beschriftet sind.

[wird fortgesetzt]

Seele – Reflexion und Persönliches – 9

Beide Perspektiven sind Strömungen zahlreicher Variationen des Leib-Seele-Problems, ohne dass eine dieser Variationen nun die Wahrheit an sich für sich beanspruchen könnte und einen Höhepunkt vielleicht in der Auffassung des Arztes Rudolf Virchow findet, der sagte: „Ich habe so viele Leichen seziert und nie eine Seele gefunden.“

In weiteren Standpunkten wird das Verhältnis von Seele und Geist thematisiert. In einem Lehrbuch der Anthropologie fand ich eine Definition der Seele des deutschen Ethologen, also Verhaltensforschers, Werner Fischel. Dieser sieht in der Seele „die erlebende zielstrebige Gesamtheit aller anklingenden, steuernden und schaffenden überkörperlichen Regungen“. Und vom Geist sagt er, dieser sei eine der Seele gegenüber selbständige, aber von ihr geformte Ganzheit aller höheren Gedächtnisinhalte, der Ideale und der Alltagserfordernisse, die insgesamt Erlebnisse bedingen können. Wenn ich recht verstehe, heißt das: die Seele bildet – zumindest weitgehend – den Geist. Die gegenläufige Ansicht dazu vertritt der französische Jesuit und Philosoph Teilhard de Chardin, der erklärt, dass eine gesteigerte Verdichtung des Geistigen (das aller Materie innewohne) zur Bildung der Seele führe.

Cicero findet Anhänger in der Ansicht, die Seele müsse stofflicher Natur sein, „denn nur Stoffliches kann wirken und leiden“. Der Wiener Psychologe Rohracher fragt dagegen: Wer ist glücklich oder unglücklich? Vielleicht das Gehirn? Und er meint dazu, Zellen und Atome können nicht leiden, die Materie könne weder Angst noch Hoffnung empfinden – ergo, „Der Mensch ist mehr als sein Gehirn.“

[wird fortgesetzt]

Seele – Reflexion und Persönliches – 8

Ist die Seele so gesehen etwas Übergeistiges oder etwas Vorgeistiges? In meinen Erlebnissen habe ich festgestellt, dass es Beschreibungen und Deutungen gibt, die meine Seele nicht annehmen kann, obwohl der Verstand bereit ist, einen grundsätzlichen Gedanken aus diesem Kontext zuzulassen. Ein Beispiel aus meiner eigenen Gegenwart sind Appelle, die Nähe zu bestimmten Personen meiner Familie zu suchen – die Vernunft sagt mir, dass das wohl möglich sei, die Seele aber zuckt und macht zu.

Werden dann die Deutungen sogar noch wiederholt, werden sie für die Seele zu einer weiteren oder neuen Verletzung. Selbst sehr genaue Versuche, einem Umstand auf die „vernünftige“ Spur zu kommen, bedeutet also noch nicht, dass die Seele mitspielt und das „Gedachte“ zur „Beseelung“ zulässt. Umso „unverständlicher“ können Seelenkräfte manchmal wirken, wenn sie einen Beitrag dazu leisten wollen, dass ein Mensch sich befreien und entfalten will. Seele ist für mich deshalb bei allem Feinstofflichen auch etwas noch Un-Interpretiertes.

Dieses Un-Interpretierbare mag verglichen werden mit dem, was wir als „leeren Raum mit Sinn“ beschreiben könnten. Wir wissen, dass der Kern eines Atoms im Vergleich zu seiner Hülle einen etwa 10000fach grösseren Durchmesser hat. Würde man ein Atom auf die Größe des Kölner Doms aufblähen, dann wäre der Kern so gross wie eine Fliege und die Masse dieser Fliege fast so gross wie die des Doms. Das Atom, so können wir sagen, besteht daher fast ausschließlich aus leerem Raum. Schauen wir also tief in unsere Materie, so werden wir zumeist leeren Raum entdecken und die Frage steht im Raum, bedeutet „leer“ dasselbe wie „nichts“? Ich meine nein. Ich meine, im leeren Raum findet sich das, was sich nicht mit Ego oder Ich beschreiben lässt. Ich meine, in diesem Raum ist die spürende Stimme, die z.B. sagen kann: Schön, dass es ist.

Während diese Vorstellung der christlichen Perspektive entspricht, die Seele sei ein von Gott geschaffenes Etwas, das mit materiellen Körpern verbunden in Erscheinung tritt und sich wieder von ihnen löst, wird sie in anderen Kulturkreisen als Teil eines Allgeistes oder einer unteilbaren „Weltseele“, als ein Teil Gottes selbst, angesehen. Spinoza meinte, Seele/Geist und Körper seien eins, in seinem Monismus sind alle Aspekte zusammen Attribute des Daseins, die gleichzeitig und gleichwertig existieren und nicht voneinander geschieden werden können. Alle materiellen Dinge ebenso wie die mentalen Vorgänge der Menschen seien nur Modi einer Substanz, nämlich Gott. Descartes wiederum vollzog die Trennung von Geist und Materie. Für ihn (1596 bis 1650) war die Zirbeldrüse (Corpus pineale) der Sitz der Seele: ein kleines Organ im Epithalamus (einem Teil des Zwischenhirns), in dem das Hormon Melatonin produziert wird, das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert.

[wird fortgesetzt]