Seele – Reflexion und Persönliches – 10

Demokrit lehrte, die Seele bestünde aus fernsten, beweglichen, runden Atomen, die zwischen den Körperatomen des Organismus eingelagert seien, während wiederum Descartes der Ansicht war, die Seele sei unausgedehnt. Nicht wenige Denker hielten die Seele gar nicht nur für eine Erscheinung, sondern gleich für zwei. Die Manichäer unterschieden zwischen einer „Lichtseele“ und einer „Leibesseele“, Wilhelm von Occam (der von Umberto Eco in seinem Roman „Der Name der Rose“ in der Gestalt des William von Baskerville zu sehen war) unterschied zwischen einer „sensitiven“‚ und einer „intellektiven“ Seele – aber das sei vielleicht seiner Vorreiterrolle in der Trennung von Staat und Kirche, dem Laizismus, geschuldet.

Ganz anders Kant, der erklärte, die „Seele“ sei nur „das Subjekt der Bewußtseinsprozesse“, sie sei kein „Ding an sich“. Gemeint ist damit, daß unser Gehirn an das Zusammenfassen von Erscheinungen in „Begriffe“ gewöhnt ist und schließlich daran glaubt, daß diese Begriffe – das Ergebnis seiner eigenen Tätigkeit – etwas Reales sind. Ein Beispiel: Eine Vielzahl von Bäumen nennen wir einen „Wald“. Das aber, was wir Wald nennen, sind nur eben zahlreiche beieinander stehende Bäume. Trotzdem bezeichnen wir diese geistige Zusammenfassung mit einem Hauptwort, wir machen es zu einem Subjekt, dem wir Eigenschaften beilegen. Der Wald ist dicht, er verfärbt sich, er wird abgeholzt. Ganz in diesem Sinne machen wir die Gesamtheit unserer „Innenerlebnisse“ zu einem „Subjekt, dem wir alle einzelnen Tatsachen des psychischen Lebens als Prädikate beilegen“.

Die „Seele“ ist demnach eher eine Abstraktion von Bewusstseinsvorgängen oder wie Friedrich Jodl, Vertreter des psychologistischen Positivismus und naturalistischen Humanismus, Ende des 19. Jahrhunderts bekräftigt: Nicht eine „Seele“ hat „Zustände oder Betätigungen, wie Empfinden, Vorstellen, Fühlen, Wollen, sondern die Gesamtheit dieser Funktionen eines lebendigen Organismus ist seine Seele“.

Auch Schopenhauer und Nietzsche waren dieser Ansicht. Das Wort Seele ist bloß ein Wort: ein Sammelbegriff für unser Innenerleben. Der antimetaphysisch, kritisch-rationalistisch argumentierende englische Philosoph David Hume sprach so von einer Vielheit der Wahrnehmungen in ständiger Veränderung und Bewegung ohne eigentlichen Träger.

In mir selbst erscheinen diese Erläuterungen über die Seele ebendiese in mir zu verkrampfen. Ich empfinde eine Wortmacht, die wirkt wie ein Machtwort – so hat Seele zu sein. Frage ich weiter, was sich zum Beispiel hinter den „Innenerlebnissen“ verbirgt, die „Seele“ ausmachen sollen, dann finde ich Kategorien in Form nächster Schubladen wie Denken, Wollen, Empfinden, Fühlen usw. wobei diese je nach Welt- und Menschenbild des jeweiligen Zeitgenossen ebenso verschieden beschriftet sind.

[wird fortgesetzt]