Seele – Reflexion und Persönliches – 11

Und selbst, wenn ich mich dann einer Kategorie zuwenden will, zum Beispiel die der Gefühle, dann wird meist nur das benannt, was positiv und angenehm wirkt wie Freundlichkeit, Liebe, Treue, Ästhetik oder Wärme. Wut, List, Neid oder Bosheit, die wir bereits als der Psyche (der Tierseele im Menschen) zugeordnet haben, werden ausgeklammert.

Das artige Wesen, das entzückt,
Sich selbst und andre gern beglückt,
Das möcht ich Seele nennen.

Goethe macht mir hier lyrisch klar, dass Wittgenstein recht hat: Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt. Das, was uns die Worte beschreiben wollen, entspricht mir meist zudem das zu sein, was ich selbst nicht mit Seele in Verbindung bringe, sondern mit dem Begriff „Psyché“. Seele und Psyché werden meist identisch verwendet, in mir gibt es dazu einen Widerstand, der sich vielleicht erschließt beim Ergründen eines Gedichtes von Schneiderfranken über die Seele, die hier in meinem Empfinden über der Psyché liegt:

DIE SEELE

Die Seele kann ein Meer sein,
Aber auch — ein Tümpel,
Verjaucht und angefüllt
Mit irdischem Gerümpel

Ist sie ein Meer,
So hält sie, gleich den Meeren,
Sich selber immerfort bewegt und rein.
Ist sie ein See,
So wird in gleicher Weise
Sie selbst sich Klärung
Durch lebendige Bewegung sein.
Und auch als Teich
Kann sie sich selber klären,
Mag das nach Stürmen
Auch recht lange währen.

Ist sie jedoch ein Tümpel,
Gibt sie allem Abfall Raum,
Verwest als trüber Pfühl
Und — fühlt es kaum.

Die Seele kann ein Dom sein.
Aber auch — ein Stall,
Ein enger Pferch — und auch ein Weltenall
Durch alles, was sie geben kann,
Und was sie nimmt,
Wird ihr die innere Gestalt,
Und wird ihr Fassungsraum bestimmt.

Was ihrem Raume nicht entspricht,
Muß sie gelassen lassen. —Nur was er in sich faßt,
Kann sie in Wahrheit „fassen“

Zum Segen aber wird der Seele
Alles, was den Raum ihr weitet,
Und wieder Segen
Durch sie selbst verbreitet.

Doch muß sie ständig auf der Hut
Vor Neid und Hass und Härte sein,
Denn Neid wie Hass und liebelose Härte
Engt jeder Seele Raum bis zur Vernichtung ein.

[wird fortgesetzt]