Perspektivenwechsel in der Sinntheorie

Viktor Frankls sinntheoretische Haltung, die sich in einem Menschenbild ausdrückt, in dem der Einzelne

– frei und verantwortlich
– als ein nach Sinn strebendes Wesen
– sich den Bedingungen, denen jeder Mensch auf seine Weise unterliegt, so stellt,
– so dass das individuelle Recht auf ein gelingendes Leben gewahrt bleibt

wird konturiert durch einen ‚biografischen Perspektivenwechsel‘.

Der Fluss der eigenen Zeit führt nicht aus der Vergangenheit in die Zukunft fließt, sondern umgekehrt. Jeder Mensch ist ständig mit den Möglichkeiten konfrontiert, die in jedem Moment auf ihn zukommen und von ihm ‚entscheidend‘ verwirklicht werden können, aber nicht müssen.
Dies bedeutet: Jeder Mensch steht jederzeit vor etwas, das ’sein kann‘. Jeder noch so unbedeutend erscheinende Augenblick eines Menschenlebens enthält objektiv existenten Sinn. Dieses was ’sein kann‘ muss also nicht erfunden, sondern als bereits Bestehendes gefunden und zur Integration in die persönliche Wirklichkeit überführt werden.

Wählt der Mensch nun aus dem Seinkönnenden unter Verzicht auf Sinnwidriges das aus, das seiner Verwirklichung würdig ist, dann schafft ein Mensch so etwas Gutes in seine Welt. Diesem ‚Gut-Haben‘ liegt die ‚Schuld‘ gegenüber, wenn ein Mensch Sinnwidriges wählt. Bezogen auf den Zeithorizont lässt sich nun sagen, dass nicht die Zeit vergänglich ist, sondern immer nur die nicht verwirklichten sinnhaften Möglichkeiten. Alles das, was so oder so gewählt wurde, bleibt somit als unauslöschlich in der Vergangenheit bewahrt. Der Mensch lebt also nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit hinein und die einzige Größe, die diese Vergangenheit zu bereichern in der Lage ist, ist die ’sinnerfüllte Wahl‘ dessen, was ’sein konnte‘ und durch den einzelnen Menschen ins ‚erfreuend gewesen sein‘ überführt wurde.