Krisenintervention – ein kurzer Streifzug

Einer der bedeutendsten Krisenforscher des vergangenen Jahrhunderts war Erich Lindemann. Sein Interesse galt Ereignissen, die einschneiden­de Veränderungen in soziale Beziehungen bewirkten und sich zu psychischen Störungen bis hin zu psychischen Erkrankungen entwickelten. Als Forschungsplattform wählte er dazu die Ereignisse, die in der US-Gemeinde Wellesley auftraten, nachdem eine Vielzahl von Bewohnern des Ortes bei einer Brandkatastrophe getötet wurde. Er stellte diese traumatischen Ereignisse in ein theoretisches Krisenmodell und entwarf Strategien für vorbeugende Interventionen.

Lindemanns Erkenntnisse flossen ein in Konzepte der ‚Krisenintervention [z.B. durch Caplan] als Gemeindeprojekt‘ in dem professionelle, semiprofessionelle und Laienzusammenarbeit integriert wurden. Wesentliche Bestandteile dieser Konzept waren entwicklungspsychologische Erkenntnisse über Lebenskrisen [hier sei Eric Ericson mit seiner Grundlagenforschung hervorgehoben] als auch die Entwürfe über die Facetten einer ‚gesunden Persön­lichkeit‘, so wie sie sich heute zum Beispiel in der Resilienzdebatte oder in Konzepten wie zum Beispiel der Salutogenese finden. Als wichtige Bestandteile dieser ‚gemeindepsychologischen‘ Krisenintervention gehören familien- und gruppenbezogene Maßnahmen, Engmaschigkeit und Konkretheit der Unterstützungen, Förderung der Selbstverantwortung, aber auch Mut zum aktiven Hilfeersuchen und der Erhalt von Hoffnung.

Wie hat sich seither die Kriseninterventionsarbeit entwickelt? Wir können heute auf eine Infrastruktur zurückgreifen, die eine Fülle wesentlicher Voraussetzungen zur Hilfe bei Notfällen sicherstellen: Schnelligkeit, qualifizierte Weitervermittlung, am­bulante und stationäre Kriseneinrichtungen, telefonische Beratung für die Bandbreite von akuter Gefährdungslage bis zu emotiona­ler Aufregung, von Menschen mit ausreichenden Selbststeuerungsfähigkeiten bis hin zu suizidalen Personen, situativ von Krisen in Beruf oder Partnerschaft bis hin zu kollektiven Krisen wie die der Oderflut.

Wenn in Deutschland ein Mensch oder eine auch große Gruppe von Menschen in eine Krisensituation gerät, so kann schnell und wirksam auf eine profund arbeitende Infrastruktur zurückgegriffen werden. Einzig die individuelle Krisenprävention liegt noch deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück – ein Grund hierfür mag darin liegen, dass Menschen ungeübt sind in der Reflexion ihrer eigenen Persönlichkeitsmerkmale. Oder kurz: Wir kennen die Welt, aber wir kennen nicht uns selbst. Wie stark wären wir wohl gemeinsam, wenn beides zusammen käme: individuelle Verantwortung zur Selbstaufklärung + kollektive Daseinsfürsorge bei extrem kritischen Lebensereignissen.