‚Die ganze Welt ist Bühne‘ – eine Fallbeschreibung – 1

In einem schmucken Sessel, der um die komplette Achse drehen kann, blickt der Klient nach und nach auf ganz verschiedene Bühnen in seinem Leben. Auf der ersten geht es recht munter zu, da
ist es bunt, laut und fröhlich, und der Klient fühlt sich in seinem Sessel wohl und zum Applaus veranlasst. Das Stück gefällt.

Nebenan hingegen wird ein trauriges Spiel geboten. Da sitzt ein Freund alleine in einem düsteren Raum, vor ihm nur ein Telefon und viele Zeitungen auf dem Tisch, der Blick getrübt. Der Freund hat Probleme im Beruf, das ist bekannt. Man sollte ihm zu Hilfe kommen – …

… aber, daraus wird nichts, denn auf der nächsten Bühne spielt sich gerade ein wahrhaftiges Drama ab. Dort ist das ‚eigentliche‘ Problem. Der Klient im Sessel wird nervös. Er hört Personen über ‚low performance‘ sprechen, eine Mitarbeitergruppe füllt Beurteilungsbögen mit dicken Rotstiften aus, an der Wand ein Bild mit dem Konterfei des Klienten – umgerüstet zur Dartscheibe, auf die verschiedene Akteure immer wieder treffsicher ihre Pfeile abwerfen. Eine Musik, die an die Filmmusik der untergehenden Titanic erinnert, rundet die Inszenierung ab. Der Klient seufzt, sein Blick verrät: Wann kommt hier endlich der Vorhang? Aber warum nicht einfach nach nebenan schauen? Da richtet sich gerade eine Frau, die dem Klienten irgendwie bekannt vorkommt, in einer Schiffskabine ein. Fröhlich pfeifend leert sie einige Koffer und vermittelt den erwartungsvollen Eindruck, dass es da sicher gleich an der Türe klopfen wird. Und tatsächlich, jemand, der nur als Kontur im grellen Gegenlicht wahrzunehmen ist, erscheint mit Handy am linken Ohr und einer Flasche Rotwein mit zwei Gläsern in der rechten Hand. Er wirkt aufgewühlt und verärgert.

Der Klient beschreibt seinen Erlebniszustand als belastet, verkrampft – das Schauspiel auf seinen Bühnen habe ihn recht erschüttert. Er suche nach etwas, was mehr Freude vermittle, nicht nach einer wie auf der ersten, vielmehr nach einer tiefen Lebensfreude. Aber das hätten diese Bühnen nicht zu bieten. Er fragt sich, warum er ein Ticket für solche Aufführungen gekauft hat? Am liebsten hätte er sein Geld zurück oder aber, es müsste sich wirklich etwas an dieser Szenerie ändern. Ob er dazu einen Beitrag leisten wolle? Gerne, soweit es in seinen Möglichkeiten läge! Und so wird der Klient eingeladen, ein Symbol für sich an seinem schmucken Sessel zu belassen und nun ‚selbst‘ auf die erste Bühne zu steigen.