‚Die ganze Welt ist Bühne‘ – eine Fallbeschreibung – 2

Der Klient hängt sein Sakko als Platzhalter über die Sessellehne, klettert in sein erstes buntes, lautes Bühnenbild und erhält nun aus der Regie eine Anweisung: „Spielen Sie auf dieser Bühne so
mit, so dass der im Sessel erkennt, wozu es gut ist, dass Sie hier mitwirken und Ihnen dafür Applaus zollt.“ Und so sondiert der Klient seine erste Szene. Was weiß er von dieser Bühne? Was kann er hier tun? Was wäre schön, würde es geschehen? Wer ist er hier?

Der Klient erkennt, er sitzt in diesem Raum und das Laute, Bunte und Fröhliche zieht an den Fensterscheiben vorbei – es ist ein Umzug mit lauter Harlekinen. Er erinnert sich, dass er früher gerne an solchen besonderen Festen teilgenommen hat, da gehörte er sogar einem Traditionsverein an. Ob im Schrank wohl noch das alte Kostüm liegt? Tatsächlich, sogar mit Bügelfalte. Schnell ist er angezogen, wie schräg er ausschaut, schreiend komisch. Aus dem dunklen Publikumsraum dringen wohlgesinnte Klatschgeräusche an sein Ohr, als er sich entscheidet, für den Moment seinen Bereichsleiter-Hut abzulegen und sich dieser Stimmung hinzugeben.

In dieser Heiterkeit kommt der Umzug auch an einem Haus vorbei, das der Klient seit langem kennt. Da wohnt sein Freund Daniel. Wie es ihm wohl geht? In den letzten Anrufen klang er arg niedergedrückt. Das Zulieferunternehmen, in dem Daniel seit 14 Jahren arbeitet, hat durch die Finanzkrise stark gelitten und nun stehen er und viele andere Mitarbeitenden in der Kurzarbeit. Ob die Insolvenz zu vermeiden ist, steht in den Sternen. Seine Familie ist über diese Situation noch gar nicht in Gänze informiert – Daniel möchte nicht, dass sie sich zu viele Sorgen macht. Das war der letzte Stand der Dinge. Nun steht der Harlekin-Klient vor der Tür und fragt sich, ob er klingeln soll. Er schwankt – womöglich wird Daniel die vor ihm stehende Heiterkeit als Affront gegen sein eigenes Leid interpretieren? Er will ihn nicht zusätzlich belasten, aber vielleicht tut es Daniel ja auch ganz gut, wenn sich ein neues Gefühl zu der bekannten Beklommenheit hinzugesellt. Was soll‘s, sagt sich der Klient, und klingelt – und befindet sich damit mitten auf seiner nächsten Bühne. Daniel öffnet, sein Gesicht liegt in Falten, und erst im zweiten Moment erkennt er seinen Freund, der da in buntem
Glöckchen-Kostüm vor ihm steht.