‚Die ganze Welt ist Bühne‘ – eine Fallbeschreibung – 3

In diesem Moment kommt die Regieanweisung: „Spielen Sie auf dieser Bühne nun so mit, so dass der, der in Ihrem Sessel sitzt, erkennt, wozu es gut ist, dass Sie hier mitwirken und Ihnen dafür
Applaus spendet.“

Ich habe wahrgenommen, Daniel, dass es Dir nicht so gut geht wie ich es Dir wünsche, und so dachte ich, besuche ich Dich. Vielleicht möchtest Du über etwas sprechen. Dankbar greift Daniel das Angebot auf und erzählt von seinen Sorgen um Geld und den Erhalt von Familie und Status. Die Liste der Kümmernisse ist lang, und Daniel wirkt recht zerknirscht als durch den Klienten gefragt wird: „Einmal angenommen, das alles, was Du Dir da ausmalst, trifft wirklich ein – was in Deinem Leben würde davon nicht berührt und unbeschadet fortbestehen?“

Daniel vermag eine Reihe menschlicher Qualitäten zu benennen, die er als unabhängig vom Verlauf der beruflichen Problemlage ansieht. „Was wäre nun,“ – Daniel erwartet die nächste Frage – „wenn es genau umgekehrt wäre: Die berufliche Situation wäre bestens und all das, was Du eben als unbeschadet ansahst, wäre nun so belastet wie Du es eben im Beruflichen beschrieben hast?“

Daniel spürt, wie ihm dieses Szenario nahe geht. „Ich habe verstanden, was Du mir sagen willst, guter Freund.“ Unser Klient verabschiedet sich von dieser Bühne ohne zu sehen, wie der Stuhl im Publikum vor lauter Zustimmung wackelt.

Schon ist er in seinem ‚eigentlichen‘ Drama, die Fetzen fliegen, es wird intrigiert, es fallen unschöne Worte, eine Säge wird an einem Stuhlbein angesetzt. Und wieder meldet sich die Regie: „Spielen Sie auch auf dieser Bühne so mit, so dass der, der in Ihrem Sessel sitzt, erkennt, wozu es gut ist, dass Sie hier mitwirken und Ihnen dafür Beifall schenkt.“

Nicht so einfach, denkt sich der Klient. Ich habe ein neues Qualitätssicherungssystem eingeführt als ich die Leitungsrolle in dieser Abteilung übernahm. Erfahrungen habe ich damit reichlich aus früheren Kontexten und das System bringt nachhaltige, gute Ergebnisse. Dass einige meiner Mitarbeitenden das Neue als Angriff auf ihre Bequemzone ansehen würden, war vorauszusehen. Dass sie jedoch solche Geschütze auffahren, das System als verstecktes Beurteilungsmittel beim Betriebsrat anprangern und mich im Management-Feedback so stark verurteilen, so dass meine beiden Matrixvorgesetzten an meiner Führungsrolle zweifeln und mir zudem mit immer neuen, bohrenden Fragen nach den Inhalten des Systems anzeigen, dass ihre Loyalität zu mir schwindet – das nagt schon gewaltig an mir. Ich stehe unter Erwartungsdruck der Geschäftsleitung, habe eine fundierte Primärkompetenz in Bezug auf das Thema Qualitätsmanagement, zudem wurde ich für dieses Thema eingestellt und das übergeordnete Projektmanagement zwingt mich zu zeitnahen Entscheidungen.

So erlebe ich die aktuelle Situation als extrem belastend und ich fühle mich den menschlichen Reaktionen hilflos ausgesetzt. Ich weiß nicht mehr, wem ich vertrauen kann und vermute mittlerweile eine stabile Lobby gegen mich. Auf dieser Bühne fühle ich mich schon recht seltsam, das Harlekin-Kostüm passt nicht so recht in die Landschaft, ich hatte keine Zeit, es auszutauschen. Dann der Druck von so vielen Seiten und die Aggressivität – da geht vieles nicht zusammen. Andererseits, so wie ich hier stehe, wirke ich sicher als Reizfigur, als bunter Vogel, dem viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde und wird. Ich stehe im Mittelpunkt des Geschehens, bin sichtbar – das könnte ich auch nutzen und denen, die bisher weniger Aufmerksamkeit erhielten, weil ihre Ideen nicht so ankamen wie meine Erfahrungen, etwas Rampenlicht spenden.

Es kann gut sein, dass durch Würdigung dessen, was vor mir da war, die Situation bereits leicht entspannt. Und wenn mehr Licht auf den Kreis der Mitarbeitenden fällt, werde ich es auch leichter haben, mein Wissen über das neue System zu teilen als wenn ich im Dunklen tappe und nicht erkennen kann, wer sich wie zum Neuen einstellt. Gleichwohl empfinde ich, dass die Position, die ich einnehme auch von mir verlangt, sie auszufüllen und Widerständen zu trotzen. Bei allen Giftpfeilen, die bisher geschossen wurden, ist eines ja nicht geschehen – ich bin mir nicht aus meinem Rahmen gefallen.