Archiv für den Monat: November 2015

Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie die Antwort?

Mit dieser Frage kommt er irgendwann auf eine inhaltliche Zuspitzung: der Gesprächsprozess in Logotherapie oder sinnzentriertem Coaching.

Mit diesem Perspektivenwechsel begleite ich meine Klienten und Patienten hin zu einer für sie lebenswesentlichen Aussage: ‚Welchen Beitrag leiste ich dadurch, dass ich auf eine Frage meines Lebens die Antwort bin?‘

Nun beginnt das Denken und Grübeln und immer wieder verheddern sich die Gedanken in einem ‚was mache ich‘ oder einem ‚warum mache ich was‘. Diese Fragen jedoch führen zu Antworten des Lebenszwecks, zu etwas im Leben Wichtigen. Und so landet man dann oft bei Positionsbeschreibungen, Aufgaben, Rollenbezeichnungen oder Erwartungen anderer. Manchmal auch zu besonderen Fähigkeiten oder Kompetenzen, die man zeigt oder erworben hat. Nur: Ohne ein ‚Wofür‘ ist jede Kompetenz nicht mehr als ein biografisches Lebenssteinchen. Ohne ein ‚Wozu ist es gut, dass ich diese Kompetenz einsetze‘, bleibt sie nur ein Teil des Egos.

Welche Frage stellt Ihnen Ihr Leben gerade jetzt [wieder]?
Und sind [nicht haben] Sie die Antwort auf diese Frage?

Perspektivenwechsel in der Sinntheorie

Viktor Frankls sinntheoretische Haltung, die sich in einem Menschenbild ausdrückt, in dem der Einzelne

– frei und verantwortlich
– als ein nach Sinn strebendes Wesen
– sich den Bedingungen, denen jeder Mensch auf seine Weise unterliegt, so stellt,
– so dass das individuelle Recht auf ein gelingendes Leben gewahrt bleibt

wird konturiert durch einen ‚biografischen Perspektivenwechsel‘.

Der Fluss der eigenen Zeit führt nicht aus der Vergangenheit in die Zukunft fließt, sondern umgekehrt. Jeder Mensch ist ständig mit den Möglichkeiten konfrontiert, die in jedem Moment auf ihn zukommen und von ihm ‚entscheidend‘ verwirklicht werden können, aber nicht müssen.
Dies bedeutet: Jeder Mensch steht jederzeit vor etwas, das ’sein kann‘. Jeder noch so unbedeutend erscheinende Augenblick eines Menschenlebens enthält objektiv existenten Sinn. Dieses was ’sein kann‘ muss also nicht erfunden, sondern als bereits Bestehendes gefunden und zur Integration in die persönliche Wirklichkeit überführt werden.

Wählt der Mensch nun aus dem Seinkönnenden unter Verzicht auf Sinnwidriges das aus, das seiner Verwirklichung würdig ist, dann schafft ein Mensch so etwas Gutes in seine Welt. Diesem ‚Gut-Haben‘ liegt die ‚Schuld‘ gegenüber, wenn ein Mensch Sinnwidriges wählt. Bezogen auf den Zeithorizont lässt sich nun sagen, dass nicht die Zeit vergänglich ist, sondern immer nur die nicht verwirklichten sinnhaften Möglichkeiten. Alles das, was so oder so gewählt wurde, bleibt somit als unauslöschlich in der Vergangenheit bewahrt. Der Mensch lebt also nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit hinein und die einzige Größe, die diese Vergangenheit zu bereichern in der Lage ist, ist die ’sinnerfüllte Wahl‘ dessen, was ’sein konnte‘ und durch den einzelnen Menschen ins ‚erfreuend gewesen sein‘ überführt wurde.

Signale psychischer Verstörungen im Beruf

Immer öfter werden Vorgesetzte mit psychischen Auffälligkeiten von Mitarbeitern konfrontiert. Die Grenzen zwischen ‚gesund sein‘, ‚Probleme haben‘ und ‚psychisch krank sein‘ sind fließend. Um so wichtiger ist es, nach einer angemessenen Zeit der Beobachtung sachlich und zweckdienlich darauf zu reagieren. Welche Signale sollten Personalverantwortliche beachten:

– Plötzlicher Rückzug
– Übersteigertes Bedürfnis, dauernd zu reden
– Unkontrolliertes, disziplinloses Verhalten
– Unterhaltung mit unsichtbaren Gesprächspartnern
– Übersteigertes Bedürfnis nach einer Ordnung, die nicht gestört werden darf

– Überforderung bei gleich bleibendem Arbeitsaufkommen
– Arbeitsgänge dauern viel länger als gewöhnlich
– Plötzlich viele Arbeiten beginnen und keine Aufgabe zu Ende bringen
– Nicht bei einem Gesprächsthema oder Gedanken bleiben können
– Plötzliches Klagen darüber, dass vorhandenes Wissen verschwunden ist
– Den Sinn von Worten nicht mehr erfassen
– Äußerung von Selbstmordgedanken

– Scheu vor Kontakten
– Übersteigertes Misstrauen
– Fehlende Wahrung der Distanz
– Unerklärliche Aggressivität bzw. Sympathiebezeugungen
– Häufiges Äußern von Lebensüberdruss
– Äußern von Angstgefühlen, vor allem Ängste vor Personen und Dingen
– Ängste, verfolgt zu werden
– Gefühle tiefer Traurigkeit
– Gefühl, von anderen gesteuert zu werden

– Hohe Nervosität
– Fehlendes Schlafbedürfnis
– Übersteigerte Aktivität
– Verlangsamte Reaktionen
– Zittern
– Vernachlässigung der persönlichen Hygiene
– Plötzliche übertriebene Pflege des eigenen Körpers, der Kleidung oder des Haushaltes

Empfehlung an Vorgesetzte: Sprechen Sie Ihre Wahrnehmungen an. Mit Beispielen und ohne Interpretationen, sachlich, diskret, auf Einwände vorbereitet und zur Unterstützung bereit. Dokumentieren Sie diese wie die folgenden Gespräche.
Wenn sich die Situation nicht verändert: Wiederholungsgespräch, Vermittlung von Kontakten zur professionellen Unterstützung. Kooperationspartner im betrieblichen Umfeld suchen, der positiven Einfluss auf den Betroffenen nehmen kann. Gegebenenfalls noch ein weiteres Mitarbeitergespräch führen. Wenn der Betroffene die Hilfe letztlich nicht in Anspruch nimmt, dann konsequent auf die Unmöglichkeit weiterer Unterstützung hinweisen und arbeitsrechtliche Maßnahmen einleiten.

Krisenintervention – ein kurzer Streifzug

Einer der bedeutendsten Krisenforscher des vergangenen Jahrhunderts war Erich Lindemann. Sein Interesse galt Ereignissen, die einschneiden­de Veränderungen in soziale Beziehungen bewirkten und sich zu psychischen Störungen bis hin zu psychischen Erkrankungen entwickelten. Als Forschungsplattform wählte er dazu die Ereignisse, die in der US-Gemeinde Wellesley auftraten, nachdem eine Vielzahl von Bewohnern des Ortes bei einer Brandkatastrophe getötet wurde. Er stellte diese traumatischen Ereignisse in ein theoretisches Krisenmodell und entwarf Strategien für vorbeugende Interventionen.

Lindemanns Erkenntnisse flossen ein in Konzepte der ‚Krisenintervention [z.B. durch Caplan] als Gemeindeprojekt‘ in dem professionelle, semiprofessionelle und Laienzusammenarbeit integriert wurden. Wesentliche Bestandteile dieser Konzept waren entwicklungspsychologische Erkenntnisse über Lebenskrisen [hier sei Eric Ericson mit seiner Grundlagenforschung hervorgehoben] als auch die Entwürfe über die Facetten einer ‚gesunden Persön­lichkeit‘, so wie sie sich heute zum Beispiel in der Resilienzdebatte oder in Konzepten wie zum Beispiel der Salutogenese finden. Als wichtige Bestandteile dieser ‚gemeindepsychologischen‘ Krisenintervention gehören familien- und gruppenbezogene Maßnahmen, Engmaschigkeit und Konkretheit der Unterstützungen, Förderung der Selbstverantwortung, aber auch Mut zum aktiven Hilfeersuchen und der Erhalt von Hoffnung.

Wie hat sich seither die Kriseninterventionsarbeit entwickelt? Wir können heute auf eine Infrastruktur zurückgreifen, die eine Fülle wesentlicher Voraussetzungen zur Hilfe bei Notfällen sicherstellen: Schnelligkeit, qualifizierte Weitervermittlung, am­bulante und stationäre Kriseneinrichtungen, telefonische Beratung für die Bandbreite von akuter Gefährdungslage bis zu emotiona­ler Aufregung, von Menschen mit ausreichenden Selbststeuerungsfähigkeiten bis hin zu suizidalen Personen, situativ von Krisen in Beruf oder Partnerschaft bis hin zu kollektiven Krisen wie die der Oderflut.

Wenn in Deutschland ein Mensch oder eine auch große Gruppe von Menschen in eine Krisensituation gerät, so kann schnell und wirksam auf eine profund arbeitende Infrastruktur zurückgegriffen werden. Einzig die individuelle Krisenprävention liegt noch deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück – ein Grund hierfür mag darin liegen, dass Menschen ungeübt sind in der Reflexion ihrer eigenen Persönlichkeitsmerkmale. Oder kurz: Wir kennen die Welt, aber wir kennen nicht uns selbst. Wie stark wären wir wohl gemeinsam, wenn beides zusammen käme: individuelle Verantwortung zur Selbstaufklärung + kollektive Daseinsfürsorge bei extrem kritischen Lebensereignissen.

Kaum sind wir heimisch einem
Lebenskreise und traulich
eingewohnt, so droht Erschlaffen.
Nur wer bereit zu Aufbruch
ist und Reise, mag lähmender
Gewöhnung sich entraffen.

Hermann Hesse

„Die Vernunft spricht leise,
deshalb wird sie so oft nicht gehört.“

Nehru

Deutschland hat keine Krisen-Skills

„Existenzielle Krisen sind keine Krankheit. Und wir haben komplett verlernt, mit ihnen umzugehen, weil die Philosophie weggebrochen ist, Kirche ist weggebrochen, Esoterik hilft nicht immer, Achtsamkeitstraining vielleicht manchmal. Wir haben keine in der Bevölkerung verankerten Skills und Fähigkeiten, mit solchen Krisen umzugehen.“ [Gert Scobel, 24.10.2015 auf 3sat zum Thema
‚Therapienotstand“]

„Krisenprävention durch Reflexivität und Selbstaufklärung ist einer der zentralen Skills des Menschen von morgen. Denn: Krise muss nicht sein.“ [Ralph Schlieper-Damrich über den Kern des Angebots für Menschen ab 17 Jahre: life2me, ab 2017 verfügbar]

„Eine Krise macht nicht behandlungsbedürftig, sondern die Folgen der Krise, wie sie ein Mensch innerlich in der Lage ist, mit ihr umzugehen und sie zu meistern. Man darf es niemandem vorwerfen, wenn er psychisch krank wird durch den Auslöser einer Krise, aber dann ist es wichtig, möglichst frühzeitig die Hilfe in Anspruch zu nehmen, sich beraten zu lassen.“ [Dietrich Munz, Präsident des Vorstandes der Bundespsychotherapeutenkammer, ebenda]

Durchschnittliche Wartezeit auf eine von den Kassen finanziell unterstützte Therapie [Psychoanalyse, Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie] in Deutschland: 12 Wochen

Durchschnittliche Wartezeit auf eine nicht durch die Kassen unterstützte Logotherapie [sinnzentrierte Psychotherapie nach Prof. Viktor Frankl]: wenige Tage