Wenn Krisen ihren Ursprung in der Kindheit haben – II

Menschliche Bedürfnisse und ihre Verletzung stehen in engem Zusammenhang mit dem Empfinden von Krise. Müssen Bedürfnisse kurzfristig hintangestellt werden, so entsteht vielleicht eine Stresssymptomatik. Werden sie dauerhaft nicht befriedigt, zum Beispiel aufgrund eines erschütternden Ereignisses oder aufgrund ihrer Missachtung in der Kindheit, dann kann dies zu erheblichen Beeinträchtigungen in der psychischen Entwicklung eines Menschen führen.

In verschiedenen psychologischen Theorien wurden die Grundbedürfnisse von Menschen zusammengestellt. Klaus Grawe, führender Wissenschaftler in der Psychotherapieforschung, stellt vier Grundbedürfnisse heraus:

  • Bindungsbedürfnis
  • Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
  • Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
  • Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

In der Schematherapie, in der die Verletzung kindlicher Bedürfnisse besonders stark im Fokus steht, sind fünf emotionale Bedürfnisse bedeutsam:

  • Sichere Bindung zu anderen Menschen haben (Sicherheit, Stabilität, nährende Zuwendung und akzeptiert werden)
  • Autonomie, Kompetenz und Identitätsgefühl entwickeln können
  • Freiheit, berechtigte Bedürfnisse und Emotionen auszudrücken
  • Spontaneität und Spiel
  • Realistische Grenzen gesetzt bekommen und selbst die Kontrolle innehaben

Nach Schulz von Thun können diese Grundbedürfnisse so zusammengefasst werden:
wertvoll sein – geliebt sein – frei sein – verbunden sein.

In den ersten Lebensjahren steht die Befriedigung von Bedürfnisse ganz im Zeichen der Aufmerksamkeit, die die unmittelbaren Bezugspersonen – insbesondere die Mutter – dem Kind schenken. Genährt zu werden, wärmenden Körperkontakt zu erhalten, wahrgenommen und unterstützt zu werden, dazuzugehören, als Person angesehen zu werden … sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass das Kind den Übergang zur autonomen Lebensentwicklung gut schafft. Diese Entwicklung zeichnet sich dadurch aus, dass das Kind eigenständig wird, sich fühlt, freie Entscheidungen trifft, Grade an Unabhängigkeit erwirbt, etwas selbst macht und unternimmt, in sich selbst ruht …

Werden im Kindesalter die Bedürfnisse nicht befriedigt, so ist dies aus der Sicht des schematherapeutischen Konzepts in vier Weisen [und entsprechenden Konsequenzen] möglich:

Schädigende Nichterfüllung der Bedürfnisse nach Stabilität, Verständnis oder Liebe mit der Folge ‚emotionaler Entbehrung‘, ‚Empfinden von Verlassenheit‘ oder ‚Empfinden von Instabilität‘
Traumatisierung oder Viktimisierung mit der Folge ‚Misstrauen‘, ‚Unzulänglichkeitsempfinden‘, ‚Scham‘ oder ‚Anfälligkeit für Schädigungen‘
Ein Zuviel des Guten führt zu ‚Abhängigkeit‘, ‚Inkompetenz‘, ‚gesteigerte Anspruchshaltung‘, ‚Empfinden von eigener Grandiosität)
Modellierung mit der Folge, dass das Kind ein Lebensmodell seiner Bezugsperson internalisiert oder dessen Persönlichkeitsakzentuierungen [Gedanken, Gefühle, Verhalten] partiell übernimmt, was seinerseits dazu führen kann, dass dadurch das derart lernende Kind eigene emotionale Bedürfnisse nicht befriedigen kann.

Als die Psyche eines Menschen am meisten prägende Beziehung stellt Professor Franz Ruppert, Begründer der mehrgenerationalen systemischen Psychotraumatologie, die Bindung des Kindes zu seiner Mutter heraus. Wird die an sich symbiotische Beziehung zur Mutter derart vollzogen, dass die Mutter die kindlichen Bindungsbedürfnisse nicht ausreichend stillt, so spricht Ruppert vom Symbiosetrauma des Kindes. In einem für 2017 geplanten Beitrag werden wir dazu weitere Impulse geben.