Krise oder: das ‚Problem mit der Problemlösung‘

Anders als im deutschen Sprachraum wird Krise im Englischen nicht nur als bereits eingetretene Situation verstanden, sondern ebenso gelten bereits absehbare, die individuelle Stabilität gefährdende Ereignisse als Krise.

„Any event that is, or expected to lead to, an unstable and dangerous situation“ … „situation of a complex system, when the system functions poorly, an immediate decision is necessary, but the causes of the dysfunction are not known“

Bedenkt man weiterhin die völlig unterschiedliche Nutzung des Krisenbegriffes in der Medizin, der Wirtschaft, der Psychologie und anderen Disziplinen, dann empfiehlt sich als Klammer um alle Beschreibungen herum, eine Krise als individuelle Hypothese eines Beobachters über den Zustand eines Systems anzusehen, dessen relevante Funktionen zusammenzubrechen drohen, ohne dass gewusst wird, wie dieser Zusammenbruch zu verhindern ist.

Könnte ein solcher Zusammenbruch verhindert werden, könnten also Interventionen genutzt werden, deren Wirkweise bereits als gut bekannt sind, dann wäre die Situation nur ein ‚Problem mit einem mehr oder minder hohem Schwierigkeitsgrad‘ und die Intervention eine leistbare Aufgabe, die sich ergibt aus der Ist-Soll-Differenz im beobachteten System.

Eine Krise hingegen konstituiert sich, wenn der Beobachter seine Hypothese zu einem Problem macht und in dessen Folge ein ‚Problem mit der Problemlösung‘ erfährt – wir sprechen hierbei von einem Problem zweiter Ordnung. In unserer Krisenpraxis erleben wir zum Beispiel Patienten, die aus Angst, an einer Krankheit zu erkranken, die es vermehrt in der eigenen Familie gab, dass diese Patienten alle erdenklichen Kontrolluntersuchungen in Gang setzen. Führen diese Kontrollen zu keinem Ergebnis [der Patient hat nun ein Problem zweiter Ordnung], bleibt der Bedrohungszustand aus Sicht des Beobachters erhalten und wird nun als Krise empfunden [’selbst die Ärzte sind unfähig und finden meine Krankheit nicht]. Ein ‚weiter so‘ oder ein ’noch mehr davon‘ ist spätestens in dieser Situation unzweckmäßig. Die Situation erzwingt förmlich die ‚Musterbrechung‘ [was landläufig und aus unserer Sicht völlig unpassend als ‚Chance‘ tituliert wird] – ergo ein Umgang mit der Situation, der bei genauerer Analyse der individuellen Bewertungs- und Bedeutungsgebungsprozesse bereits meist viel früher hätte neu konzipiert werden können.

Unsere Krisenpräventions-These lautet daher: Nicht Krisen schaffen Entscheidungsspielräume, sondern die Klärung individueller Werte und der auf ihnen basierenden individuellen BeWERTungen ermöglicht rechtzeitige verantwortungsvolle Korrekturentscheidungen. Und diese Korrekturen schließlich mindern die fatalen Wirkungen einer Krise und erhalten die Handlungsfähigkeit im Umgang mit der Belastungssituation.