Wenn Krisen ihren Ursprung in der Kindheit haben – I

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Dieser Satz steht auf einem kleinen Brettchen, das in meinem Therapieraum hängt. Schon oft haben Klienten über diesen Satz geschmunzelt, manchmal auch wehmütig, zuweilen öffnete er aber auch eine finstere Kiste der Erinnerungen.

Das krude Bild von dem, was ein Kind auszeichnet, und das über Jahrhunderte hinweg, von Generation zu Generation weitergereicht wurde, führt Menschen auch heute noch zu Erinnerungen an Erlebnisse in ihrer eigenen Kindheit. Und mit ihren Erinnerungen verbinden sie Bezugspersonen, die ihrerseits Kindheitserlebnisse hatten, die diese mit Bezugspersonen aus ihrer Kindheit in Verbindung bringen. Wird das Bild vom Umgang mit Kindern nicht einer Bereinigung unterzogen, dann wundert nicht, dass Klienten berichten, sie seien als Kind mit den Attributen dumm, gierig, böse, unbeherrscht oder unwichtig belegt worden. Selbst das Alleingelassenwerden, das Schreienlassen, das Schmerzenertragenmüssen, das Gezüchtigt- oder Missbrauchtwerden stellen Klienten als die ‚Normalität‘ ihres Kindeslebens dar und bestätigen, was Lloyd deMause in seinem Buch über das historische Bild von Kindheit beschrieben hat. Die Vorstellung, die bis weit in die Neuzeit hineinreicht, dass ein Kind ohnehin später keine Erinnerung an diese frühe Zeit hat, wenn es erst einmal in die Schule gekommen ist, darf als ein Grund für das Verhalten Kindern gegenüber angenommen werden.

Nur langsam setzt sich heute ein Verständnis über das Kindsein durch, dessen Wirkung noch weitgehend unerforscht ist und womöglich auch erst in einigen Jahrzehnten dazu führen wird, ein wirklich neues Zeitalter der Begleitung von Kindern ins Leben zu begründen. Dieses Bild vom kindlichen Menschen sieht es an als Wesen, das wach- und empfindsam, schutz- und liebebedürftig, sofort sozial integriert und kommunikativ ist und das alle Erfahrungen ab der Zeugung im Gedächtnis bewahrt. Dieses Bild vom Kind hat in der neueren Entwicklungspsychologie eine Diskussion über die Bedürfnisse des Kindes in Gang gesetzt – und in der Folge zu Überlegungen geführt, die die Auswirkungen der unzureichenden Sicherung dieser Bedürfnisse auch im Erwachsenenalter thematisieren. Dazu in einigen Tagen mehr.