Ermöglichung als pädagogische Grundhaltung gegenüber Krisenbetroffenen

Dem pädagogischen Modell der Ermöglichung liegt die wissenssoziologische und kognitionstheoretische Erkenntnis zugrunde, dass Realität stets eine ’subjektiv interpretierte Wirklichkeit‘ ist. Das entscheidende Kriterium dafür, was Menschen für ‚wahr‘ und ‚richtig‘ halten, liegt nach dieser Auffassung bei den je subjektiven Perspektiven und nicht etwa getrennt und außerhalb von ihnen in einer ‚objektiven‘ Realität.

‚Wirklichkeit‘ entsteht in der Auffordnung, Erschließung, Interpretation und damit in der Bedeutungszuweisung durch den einzelnen Menschen. Hans Tietgens spricht deshalb davon, dass wir Menschen im ‚Modus der Auslegung leben‘.

Mit Hilfe persönlicher Deutungsmuster ordnen wir unsere Wirklichkeit in einer für uns selbst und/oder für unsere soziale Umgebung mehr oder weniger plausiblen Weise. Gleichzeitig reduzieren wir die Vielfalt von Wahrnehmungsreizen und Eindrücken. Das versteht die Biologie unter ‚Entlastungsfunktion‘. Erst durch diese Reduktion komplexer und differenzierter Umwelteindrücke mit Hilfe von Deutungsmustern werden wir handlungsfähig. Reduktion heißt ‚Filterung‘ [Generalisierung, Vereinfachung, Verzerrung z.B. die Welt durch eine „rosarote Brille“ sehen…]. Die subjektiv erworbenen bzw. konstruierten, aber sich bewährenden Deutungsmuster geben dem Lebensentwurf einen ‚Sinn‘, eine Orientierung und letztlich Sicherheit. Solange sich meine Deutungsmuster bewähren, muss ich sie nicht verändern. Schwierig empfinden die meisten Menschen Konfrontation, Irritation und Umlernen von Gewohnheiten und Routinen.

Als Beispiel möchte ich die sogenannten ‚kontrafaktischen Spielregeln‘ in der Methode ‚Brainstorming‘ nennen, welche alltägliche Regeln, die uns ganz selbstverständlich sind, bewusst ‚auf den Kopf stellen‘. In dieser Methode gilt es, die Generierung von wirklich kreativen Ideen durch zu ermöglichen, indem folgende ‚ungeschriebene‘ Spielregeln des Alltags außer Kraft gesetzt werden:

  • Unsere ’normale‘ Regel heißt z. B. „Alles was du – in beruflichen Situationen – sagst, muss überlegt und vernünftig sein!“. Die neue Regel lautet: ‚Spinnen ist erwünscht!‘.
  • Eine andere ’normale‘ Regel heißt z.B. „Hüte dich vor Redundanz. Alles, was du sagst, muss klar und eindeutig formuliert sein!“. Die neue Regel lautet: „Quantität geht vor Qualität!“.
  • Eine dritte ’normale‘ Regel heißt z.B. „Wenn etwas unvernünftig, unsinnig oder schlichtweg falsch ist … das musst du sofort kritisieren!“. Nun jedoch:  „Kritik erst nach Abschluss der Brainstorming-Phase!“.
  • Eine vierte ’normale‘ Regel heißt z.B. „Wenn du selbst im Rahmen eines Gesprächs oder einer Diskussion auf einen Einfall kommst, gibt ihn als deinen aus oder behalte ihn für dich und verwende ihn für einen Verbesserungsvorschlag!“. Jetzt lautet die Regel: „Das Copyright für Ideen im Brainstorming gehört der Gruppe!“

Meine Verhaltensmuster und meine Deutungsmuster hängen ursächlich eng zusammen. Die Sicherheit meines Verhaltens [meine Selbst-Sicherheit] hängt davon ab, dass ich meine Deutungsmuster nicht infrage stellen muss. Andererseits: Stelle ich meine Deutungsmuster nicht immer wieder auf den Prüfstand und erweitere sie situativ, dann können sie zu ‚Erstarrung‘, ‚Fixierung‘ und mangelnder Reaktionsfähigkeit, mangelnder Lern- und Arbeitsfähigkeit führen.

In diesem Zusammenhang kommt dem Begriff des Skriptes [im Sinne eines Verhaltensmusters] eine besondere Bedeutung zu. Skripte sind Ablaufprogramme, die das konkrete, wahrnehmbare Verhalten der Menschen strukturieren. Unter einem Handlungs-„Skript“ verstehe ich im engeren Sinne ein festes Muster für ein singuläres situationsspezifisches Verhalten oder ein festes Muster für die Variabilität situationsspezifischer Verhaltensweisen. Das [eher naturwissenschaftliche] Deutungsmuster – es gibt „richtige bzw. falsche Verhaltensweisen“ – engt Verhaltensmöglichkeiten entscheidend ein. Nur das Muster, welches grundsätzlich nach Alternativen von Verhalten fragt, öffnet den Menschen zu einem „echten“ situationsspezifischen Verhalten und zur Chance von Variabilität. Hier liegt die Kraft des Ermöglichungsansatzes, wenn die Person lernt, nach Alternativen zu fragen und sich immer wieder zu überprüfen.

Soll Verhalten nachhaltig und dauerhaft geändert werden, dann sind die individuellen ‚Welt-Interpretationen‘ (d.h. Deutungsmuster und Werthaltungen) genau zu beleuchten. Wird dies versäumt, dann werden Verhaltensweisen allenfalls oberflächlich aufgesetzt und in den meisten Fällen bleibt dies folgenlos, da sich die alten Gewohnheiten bald wieder durchsetzen werden. Krisencoachs, die auf dem Konzept der Ermöglichung arbeiten, beachten diesen Umstand.