Archiv für den Monat: Juni 2016

„Schütze die Flamme.
Denn schützt man die Flamme nicht,
ach eh‘ man’s erachtet,
löscht leicht der Wind das Licht,
das er entfachte.

Brich dann Du
ganz erbärmlich Herz
stumm vor Schmerz.“

Pietro Trapassi  (1698-1782)

Ombrophobie – Brontophobie

Haben Sie Angst vor Regen, Blitz und Donner? Dann gehören Sie auch zur Gruppe der Ombro- oder Brontophobikern – einer Gruppe von Personen, deren Zahl nach den jüngsten Unwettern mit ihren verheerenden Folgen für Menschen und Sachen weiter ansteigen wird.

Angst ist biologisch angelegt und gehört als Grundemotion zum Leben wie Freude, Trauer oder Wut. Wir bekommen Angst, um bei Gefahr rasch reagieren zu können. Es blitzt und donnert – fluchtartig ab in die Höhle, so war das zu Beginn des Menschen. Und wenn es nur der Blitz allein gewesen wäre … aber: Gefahren lauerten an allen Ecken, da war es praktisch, in Flucht oder Kampf gut qualifiziert zu sein. Heute sind immer noch die Emotionen in uns, aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie wirklich zu Recht benötigen, sinkt. Also wohin mit der Angst, wenn es gute Gründe für sie nicht mehr gibt? Die Lösung: Wir machen uns die Gründe. Und ‚begründen‘ sie mit Ereignissen, deren Wahrscheinlichkeit nachweislich extrem niedrig ist. Beispiel: Flugangst. Statistisch liegt hier ein Unfall bei 1 : 30 Millionen. 25% der Menschen [laut Allensbach-Studie] haben Flugangst.

An sich in die Boeing 747 vergleichbar mit dem Bären in der Steinzeit. Nur, wer die Kontrolle über sich behält, braucht vor beiden keine Angst zu haben. Flucht vor dem Bären sicherte die Selbstkontrolle [meistens], aber beim Fliegen muss man die Kontrolle in fremde Hände legen [die man nicht kennt, von denen man nicht weiß, ob sie zu einem Menschen mit Lebensmüdigkeit gehören oder zu jemandem, der beim letzten Check die eine Schraube am Getriebe vergessen hat anzuziehen …]. Kontrollverlust, was mach ich nur? Am besten mehr über die Möglichkeit nachdenken, die Kontrolle wirklich zu verlieren. Katastrophierende Gedan­ken, Hyperreflexion, die Angst vor der Angst. Gegenstrategie: Tief atmen, Bauchatmung: ausatmen, bis vier zählen,
einatmen, bis drei zählen. Oder Wechselatmung durch die beiden Nasenlöcher. Oder: nur Kurzstrecken fliegen [wenn San Francisco nur in Europa läge]. Oder nur morgens fliegen, weil dann die Pillen vom Arzt länger wirken. So gewinnt man ein Stückchen Kontrolle wieder. Aber dann: Der Nachbar im Flieger hat auch Flugangst, auch Kontrollverlustangst. Ein Grund mehr für Angst – aber an der Wahrscheinlichkeit eines Unfalls ändert sie nichts.

Warum nur diese Angst, heute, in unser aufgeklärten Gesellschaft? Die Wissenschaft weiß es nicht genau und vermutet eine Melange aus gelernten Botschaften wie ‚du kannst nichts, du weißt nichts‘ aus der Kindheit, einer für Angst passenden Genetik und biografischen Umwelterfahrungen. Aber es würde sich ändern, wüssten man um das Warum der eigenen Angst. Dadurch würde sie nicht weniger.

Viktor Frankl rät: „Sie müssen sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen.“ Also auch nicht von Ihrer Angst. Um sie zu überwinden braucht es ein Wozu.
Wozu ist es gut, die Angst vorm Fliegen für die Zeit des Fluges zu vergessen? Wenn dieses Wozu stärker ist als das Warum, dann wird der Flug deutlich entspannter verlaufen.
Wozu ist es gut, die Angst vor Blitz und Donner für die Zeit des Unwetters zu vergessen?
Wozu ist es gut, die Angst vor Spinnen für die Zeit des Aufenthaltes im Keller zu vergessen? …
Die KrisenPraxis wünscht einen erfreuenden Flug.

Das Erleben einer Unternehmenskrise – IV

Fortsetzung von Teil III

Selten ist es ein einziger Grund, der eine Unternehmung in eine Krise führt. Psychologisch gesprochen zeigt sich eher ein ‚multifaktorieller Zusammenhang‘, der eine vielleicht einst nur problematische zu einer komplex-kompliziert-dynamischen Situation des Unternehmens führt.

Sind die Auslöser womöglich schnell in autokratischen Entscheidungsprozessen, mangelndem Wissen, Aufschieberitis, Zentralismus, unausgereiften Prozessen oder auch Kommunikationshindernissen zu finden, so gilt doch: der Zeitpunkt ist bei allen ‚insgeheimen Vorahnungen‘ überraschend und ruft nach flinken, klugen Entschlüssen – nicht selten von denselben Menschen, die zuvor einen Beitrag zum Entstehen der Krise geleistet haben.

Dass sich diese Erwartung oftmals nicht erfüllt, sondern im Gegenteil die handelnden Personen sich gehemmt und blockiert zeigen, führt in der Folge dazu, dass eine Krisensituation bekämpft anstatt kreativ gemeistert wird. Die Krisensituation mit ihrem geringen Handlungsspielraum verleitet Führungskräfte und Mitarbeiter dazu, ihr eingefahrenes Verhalten sogar weiter zu fixieren im Sinne eines ‚mehr vom selben‘.

So gesehen ist jedem Unternehmer aus psychologischer Sicht an sich empfohlen, im Unwetter nicht die Regenschirme zuzulassen, die zuvor schon bei Sonnenschein genutzt wurden. Krisenbewältigung braucht schnelle Handlungen jenseits der bekannten Trampelpfade und kein ‚digging the hole deeper and deeper‘.

Lebendigkeit wahren – trotz Krise

Wie schafft man es, auch in einer individuellen Krisenzeit die Lebendigkeit nicht zu verlieren? Aus der Lähmung zu kommen, aus dem Gefühl der vielen ‚Losigkeiten‘ [der Hoffnungs-, Ziel-, Glücks-, Freud-, …. -losigkeit], das ist oft psychisch harte Arbeit für einen Menschen in einer Krise.

In unserer Präventionsarbeit, aber auch im therapeutischen Kontext, wenn eine Krise bereits im Vollzug ist, arbeite ich mit vier Kardinalhaltungen, die sich anlehnen an die von Cicero benannten Haupttugenden der Tapferkeit, Mäßigung, Klugheit und Gerechtigkeit.

Die Kardinalhaltungen lauten:

Zumutung. Diese Haltung zeigt ein Mensch, wenn es ihm trotz allem gelingt, mit seiner Wärme ein Feuer in den Herzen der Menschen um ihn herum anzuzünden. Und das in einer Krise? Was auf den ersten Blick paradox und unmöglich zu leisten anmutet, wird plausibel, wenn man für sich erkennt, dass es in einer massiven persönlichen Belastungssituation wichtig ist, dass die Energien des persönlichen Umfeldes entfesselt werden müssen, damit aktive Unterstützung vollzogen wird. Geht der Krisenbetroffene jedoch mit seiner Situation so um, dass sein Verhalten die Energien seines Umfeldes [z.B. durch Wehklagen, Selbstschuldzuweisung, Gejammer, …] entzieht, dann wird dieses eher eine Form passiver Unterstützung anbieten [Trost, ‚melde dich, wenn du etwas brauchst, …]. Was gilt es zu lernen: Zu signalisieren, dass trotz allem der unbedingte Wille gegeben ist, weiterzuleben, sich weiter zu entwickeln, weiter zu arbeiten, weiter zu lieben … das eigene Recht auf eine gelingendes Leben einzulösen. Und dieses Signal zu verbinden mit der Bitte an jeden Menschen im Umfeld, etwas Konkretes zu tun. Wir nennen diese Fähigkeit ‚emotional-soziale Expressivität‘, die jeder Mensch mit den ihm eigenen Persönlichkeitsmerkmalen entwickeln kann [präventiv natürlich leichter als mitten in einer Krise].

Deutlichkeit. Diese Haltung zeigt sich, wenn es einem Menschen in einer Krise gelingt, seinen Handlungen eine Einfachheit zu verleihen. Mit einer Krise verbinden viele Menschen sofort Gedanken an Zukunftsentwürfe, die in der Vergangenheit entstanden sind. Und sie äußern diese Gedanken mit ‚wie soll das nun weitergehen‘, ‚wir hatten uns vorgenommen‘, ‚dieses Ziel kann ich nun ja vergessen‘ … Was gilt es zu lernen: Sich zu erlauben, trotz aller Erwartungen im Innen und Außen die ganz kleinen Schritte zu gehen und dieses ‚Vor-Gehen‘ konsequent zu kommunizieren. Selbst den Prozess der Handlungen im Hier und Jetzt zu steuern, ist für die Überwindung der Krise unabdingbar. Damit die Selbststeuerung gelingt, braucht es eine Einfachheit im Handeln. Es sind nur die wichtigen und dringenden Dinge zu tun, die heute so gesteuert werden können, so dass sie auch heute als erledigt angesehen werden können. Wir nennen diese Fähigkeit ‚prägnant-aktive Expressivität‘. Wie stark diese Fähigkeit gegeben ist, lässt sich mit überschaubarem Aufwand herausfinden – präventiv natürlich leichter als mitten in einer Krise. Weiterlesen

Enantiodromie

Wenn ein Mensch sein Verhalten ins ‚Gegenteil umschlagen‘ lässt, also ‚andere Saiten aufzieht‘, vielleicht gar vom Saulus zum Paulus wird, dann entspricht diese Interdependenz der Gegensätze dessen, was Heraklit, der überragende Philosoph des Wandels, mit Enantiodromie bezeichnete.

Dieser Begriff ist in die Lehre des Begründers der komplexen Psychologie, Carl Gustav Jung, integriert worden, der ihn als einen grundlegenden Mechanismus der Psyche ansah. Für Jung hat jedes psychologische Extrem insgeheim seinen Gegensatz verfügbar. Jedes Extrem erhält förmlich aus diesem Gegensatz seine erforderliche Dynamik. Es gibt somit keinen psychischen Prozess, der sich nicht gegebenenfalls in sein Gegenteil verkehrt und je extremer sich der Prozess zeigt, desto eher ist seine Verkehrung ins Gegenteil zu erwarten. Beispiel: Ein vor der Krise entscheidungsstarker Mensch verkehrt sich in einer Krise in einen handlungsgelähmten Menschen um. Oder er mutiert zu einem hyperreaktiven Menschen mit unbedachter Spontaneität.

Beide Ausformungen liegen bei genauer Betrachtung überraschend nahe beieinander. Beide verengen zum Beispiel auf je unterschiedliche Weise die Perspektive, beide verursachen einen hohen psychischen Energieaufwand zum Wiedererlangen innerer Stabilität, beide erzeugen systemisch eine extreme Dynamik, um mit dem Zustand der Person fertig zu werden.

Um der Enantiomerie zu ‚entgehen‘, stehen drei Wege offen:
– die Person kann sich auf neue Art organisieren und damit neue Wege des Ressourceneinsatzes gehen
– die Person überdauert die Zeit der Störung und kehrt danach zum vorherigen Zustand zurück
– die Person übersteht die Krise nicht und geht zugrunde

Worin besteht nun die Hoffnung eines jedes Therapeuten oder Krisencoachs?
Dass der Mensch den ersten Weg geht und dabei zwei Fähigkeiten einsetzt, die zur Überwindung einer Krise deutliche Vorteile gegenüber anderen aufweisen:

  • Zum einen die Fähigkeit, mit Vorstellungskraft zukünftige Zustände gegenwartsnah werden zu lassen und
  • zum anderen die Fähigkeit, die Selbststeuerung auf eine der Situation angemessenen Weise zwischen Grenzziehung und Kooperation zu vollziehen. Gerade diese Fähigkeit bewirkt, dass der Krisenbetroffene sich nicht ‚abgibt‘, sondern sich als Hauptgestalter seines Auswegs versteht.

Ermöglichung als pädagogische Grundhaltung gegenüber Krisenbetroffenen

Dem pädagogischen Modell der Ermöglichung liegt die wissenssoziologische und kognitionstheoretische Erkenntnis zugrunde, dass Realität stets eine ’subjektiv interpretierte Wirklichkeit‘ ist. Das entscheidende Kriterium dafür, was Menschen für ‚wahr‘ und ‚richtig‘ halten, liegt nach dieser Auffassung bei den je subjektiven Perspektiven und nicht etwa getrennt und außerhalb von ihnen in einer ‚objektiven‘ Realität.

‚Wirklichkeit‘ entsteht in der Auffordnung, Erschließung, Interpretation und damit in der Bedeutungszuweisung durch den einzelnen Menschen. Hans Tietgens spricht deshalb davon, dass wir Menschen im ‚Modus der Auslegung leben‘.

Mit Hilfe persönlicher Deutungsmuster ordnen wir unsere Wirklichkeit in einer für uns selbst und/oder für unsere soziale Umgebung mehr oder weniger plausiblen Weise. Gleichzeitig reduzieren wir die Vielfalt von Wahrnehmungsreizen und Eindrücken. Das versteht die Biologie unter ‚Entlastungsfunktion‘. Erst durch diese Reduktion komplexer und differenzierter Umwelteindrücke mit Hilfe von Deutungsmustern werden wir handlungsfähig. Reduktion heißt ‚Filterung‘ [Generalisierung, Vereinfachung, Verzerrung z.B. die Welt durch eine „rosarote Brille“ sehen…]. Die subjektiv erworbenen bzw. konstruierten, aber sich bewährenden Deutungsmuster geben dem Lebensentwurf einen ‚Sinn‘, eine Orientierung und letztlich Sicherheit. Solange sich meine Deutungsmuster bewähren, muss ich sie nicht verändern. Schwierig empfinden die meisten Menschen Konfrontation, Irritation und Umlernen von Gewohnheiten und Routinen.

Als Beispiel möchte ich die sogenannten ‚kontrafaktischen Spielregeln‘ in der Methode ‚Brainstorming‘ nennen, welche alltägliche Regeln, die uns ganz selbstverständlich sind, bewusst ‚auf den Kopf stellen‘. In dieser Methode gilt es, die Generierung von wirklich kreativen Ideen durch zu ermöglichen, indem folgende ‚ungeschriebene‘ Spielregeln des Alltags außer Kraft gesetzt werden:

  • Unsere ’normale‘ Regel heißt z. B. „Alles was du – in beruflichen Situationen – sagst, muss überlegt und vernünftig sein!“. Die neue Regel lautet: ‚Spinnen ist erwünscht!‘.
  • Eine andere ’normale‘ Regel heißt z.B. „Hüte dich vor Redundanz. Alles, was du sagst, muss klar und eindeutig formuliert sein!“. Die neue Regel lautet: „Quantität geht vor Qualität!“.
  • Eine dritte ’normale‘ Regel heißt z.B. „Wenn etwas unvernünftig, unsinnig oder schlichtweg falsch ist … das musst du sofort kritisieren!“. Nun jedoch:  „Kritik erst nach Abschluss der Brainstorming-Phase!“.
  • Eine vierte ’normale‘ Regel heißt z.B. „Wenn du selbst im Rahmen eines Gesprächs oder einer Diskussion auf einen Einfall kommst, gibt ihn als deinen aus oder behalte ihn für dich und verwende ihn für einen Verbesserungsvorschlag!“. Jetzt lautet die Regel: „Das Copyright für Ideen im Brainstorming gehört der Gruppe!“

Meine Verhaltensmuster und meine Deutungsmuster hängen ursächlich eng zusammen. Die Sicherheit meines Verhaltens [meine Selbst-Sicherheit] hängt davon ab, dass ich meine Deutungsmuster nicht infrage stellen muss. Andererseits: Stelle ich meine Deutungsmuster nicht immer wieder auf den Prüfstand und erweitere sie situativ, dann können sie zu ‚Erstarrung‘, ‚Fixierung‘ und mangelnder Reaktionsfähigkeit, mangelnder Lern- und Arbeitsfähigkeit führen.

In diesem Zusammenhang kommt dem Begriff des Skriptes [im Sinne eines Verhaltensmusters] eine besondere Bedeutung zu. Skripte sind Ablaufprogramme, die das konkrete, wahrnehmbare Verhalten der Menschen strukturieren. Unter einem Handlungs-„Skript“ verstehe ich im engeren Sinne ein festes Muster für ein singuläres situationsspezifisches Verhalten oder ein festes Muster für die Variabilität situationsspezifischer Verhaltensweisen. Das [eher naturwissenschaftliche] Deutungsmuster – es gibt „richtige bzw. falsche Verhaltensweisen“ – engt Verhaltensmöglichkeiten entscheidend ein. Nur das Muster, welches grundsätzlich nach Alternativen von Verhalten fragt, öffnet den Menschen zu einem „echten“ situationsspezifischen Verhalten und zur Chance von Variabilität. Hier liegt die Kraft des Ermöglichungsansatzes, wenn die Person lernt, nach Alternativen zu fragen und sich immer wieder zu überprüfen.

Soll Verhalten nachhaltig und dauerhaft geändert werden, dann sind die individuellen ‚Welt-Interpretationen‘ (d.h. Deutungsmuster und Werthaltungen) genau zu beleuchten. Wird dies versäumt, dann werden Verhaltensweisen allenfalls oberflächlich aufgesetzt und in den meisten Fällen bleibt dies folgenlos, da sich die alten Gewohnheiten bald wieder durchsetzen werden. Krisencoachs, die auf dem Konzept der Ermöglichung arbeiten, beachten diesen Umstand.

Suizid – Wissen für den Alltag

Nach wie vor geistert der Mythos herum, dass Menschen, die vom Suizid sprechen, ihn nicht begehen. Der Wirklichkeit kommt eher nahe, dass gut 3/4 aller Suizidanten diesen zuvor, zuweilen auf subtile Weise ankündigen und damit der Umwelt die Chance geben, ihnen zu helfen. Sätze wie: „Es wäre wirklich das Beste, ich wäre nicht mehr da.“ oder „Ich werdet Euch noch umschauen, wenn Ihr Euer Projekt eines Tages einmal alleine fertigstellen müsst.“ …. – aber auch konkrete Handlungen wie auf ungewohnte und unangekündigte Weise damit zu beginnen, alle möglichen Sachen im Haushalt zu ordnen oder eine Tournee zu allen möglichen Freunden zu unternehmen, können Hinweise auf eine suizidale Stimmung sein.

Ein anderer Mythos meint, dass der, der sich wirklich umbringen will, nicht aufzuhalten sei. Das ist so auch nicht richtig, denn die meisten Suizide werden im Rahmen von akuten Krisen durchgeführt. Würde angemessen unterstützt, die Krise zu überwinden, dann könnte damit auch eine Lebensrettung verbunden sein. Jedoch, nicht immer werden die Krisen anderer, auch naher Menschen, wahrgenommen, passend gedeutet und thematisiert.

In der Krisenberatung stellen wir uns diese Fragen:

  • Gehört die betroffene Person einer Risikogruppe [Mensch in Beziehungskrise, Situation nach schwerem Verlust, Belastung durch Kränkungen und Beschämung, Überforderungen in der Familie, Schule, Arbeit] an?
  • Worin genau besteht die aktuelle Belastungssituation?
  • In welcher Phase steht die Person: Erwägung des Suizids – Abwägung und Ambivalenz – Entschluss [dieser zeichnet sich aus durch eine abrupte Beruhigung der Situation, indirekte Ankündigungen und Vorbereitungshandlungen wie zum Beispiel Testament schreiben, Medikamente sammeln]?
  • Gibt es in der Familie eine Suizidhäufung?
  • Inwieweit ist die suizidale Entwicklung fortgeschritten?
  • Werden konkrete Suizidgedanken geäußert?
  • Inwieweit erscheint die Person im Gespräch gedanklich eingeengt?
  • Entsteht das Gefühl, die betroffene Person emotional nicht mehr zu erreichen?

Dem Umfeld empfehlen wir:

  • Sprechen Sie Ihre Wahrnehmungen an und benennen Sie Ihre Gefühle der Person gegenüber.
  • Vergeuden Sie keine Zeit, sondern konfrontieren Sie die Person mit einer Unterstützungsleistung, die dem Menschen Hoffnung machen kann.
  • Holen Sie sich eigene Unterstützung durch einen Psychologen in Ihrer Nähe.
  • Vermeiden Sie vorschnelles Trösten, Appelle, Belehrung, argumentierendes Diskutieren, Herunterspielen der Situation.
  • Nehmen Sie Provokationen nicht persönlich, lassen Sie sich nicht durch Bagatellisierungsversuche einlullen.
  • Nehmen Sie sich Zeit, mit der Person die aktuelle Situation genau zu beleuchten. Suchen Sie nicht nach Veränderungsmöglichkeiten [Sie können davon ausgehen, dass das die Person längst alles hinter sich hat].

Ralph Schlieper-Damrich

13. Juni 2016

„Wenn man den Menschen erzählt, was sie verstehen,
das schätzen sie nicht.
Man muss ihnen etwas erzählen, was sie nicht verstehen.
Was sie aber gerne verstehen möchten.
Das ist das pädagogische Grundprinzip.

Das Wichtigste liegt in dem verborgen, was man nicht versteht.

Eigentlich könnte ich hier gleich auch aufhören.
Denn von dem Ungeheuren, was wir als Menschen eigentlich verstehen müssten,
verstehe ich gar nichts und ihr auch nichts.
Dennoch, ein bisschen verstehe ich und eines Tages können wir doch alles verstehen.
Deswegen fangen wir jetzt damit an.“

Joseph Beuys

[Mit diesem einleitenden Zitat beginnt unsere Ausbildung zum Krisencoach.]

Anzeichen einer Krisenverarbeitung bei Kindern

Erwachsene zeigen nach einem traumatischen Ereignis ihre individuell spezifischen Verhaltensweisen. Kinder stehen dem mit ihrem Reaktionsset in nichts nach und Erwachsene sollten diese aus Sicht des Kindes möglichen Bewältigungsmuster kennen:

  • Nächtliches Aufwachen
  • Angst vor dem Zubettgehen
  • Hyperaktivität
  • Ungehorsam und Aggressivität
  • Extreme und schnelle Stimmungswechsel
  • Provokation von körperlichen Strafen und anderen Schmerzen
  • Inszenierung der erlebten Ereignisse im Spiel
  • Alpträume mit/ohne spezifischen Inhalt
  • Abflachung der Ansprechbarkeit äußerer Reize
  • Eingeschränkte Spielfähigkeit
  • Vermeiden von Ruhephasen
  • Sozialer Rückzug
  • Verlust von Entwicklungsfähigkeiten
  • Zurückfallen in Verhaltensmuster früherer Phasen
  • Leben in heilen Phantasiewelten
  • Gefühl ständiger Langeweile und Leere
  • Trennungsangst und Klammern

Zwischen Weinen und Lachen
schwingt die Schaukel des Lebens,
zwischen Weinen und Lachen
fliegt in ihr der Mensch.

Christian Morgenstern