Sprechen mit Sterbenden

Da steht man am Bett des bald Sterbenden und findet nicht ins Gespräch. Plattitüden, Allgemeinplätze, Törichtes oder beklommenes Schweigen – oh, wie langweilig kann das Umfeld einem Menschen, dessen Verstand und Gefühlswelt noch erreichbar sind, sein absehbares Lebensende machen. Auch die Aufforderung, doch bloß zu kämpfen, ist aus der Sicht des Sterbenden oft ein Affront gegen den ohnehin laufenden Kampf, den er auf die je ihm eigene Weise führt. Oder – auch beliebt im Sterbezimmer – „ich seh morgen wieder nach dir“. Sicher gut gemeint, will man doch mitteilen, dass der Mensch einem wichtig ist und nicht das Gefühl haben soll, alleine zu sein. Aber wie wäre es, den Sterbenden zu fragen, ob er diese Präsenz wünscht?
„Lass uns nicht allein“, „du darfst nicht sterben“, „versuche doch auch noch diese Therapie oder Medikation“ und andere Appelle sind – bei genauer Betrachtung – eher Zeit verschwendende Beruhigungspillen für den Besucher als förderlich für das Recht auf ein gelingendes Sterben des Sterbenden.

Sterbekommunikation gehört sicher nicht zu den Pflichtfächern moderner Erwachsenenbildung. Da hilft nur eins: sich dessen selbst bewusst werden, wie und worüber man im Sterben sprechen möchte. Der eine mag sich seiner Lebensleistung gerne erinnern, der andere über das gemeinsam Erlebte, der nächste will wissen, wie die nächsten medizinischen Schritte aussehen, wieder andere wollen in die Überlegungen eingebunden werden, was Menschen unternehmen werden, wenn man selbst gestorben ist. Auch das, was noch unerfüllt ist und vielleicht noch abgeschlossen, ausgeräumt oder entschieden werden könnte, können bessere Themen sein. Sie fragen sich, wozu es gut sein könnte, sich diese Gedanken – jetzt – zu machen? Sterblichkeit ist stets auch verbunden mit einer individuellen Wahrscheinlichkeitsrechnung. Im Moment mag diese Rechnung für Sie und mich zu einer ‚0‘ führen. Aber klar muss bleiben: das Wahre scheint lediglich, es ist nicht wahr. Im nächsten Moment kann sich dies ändern. Im nächsten Moment kann ein Prozess in Gang kommen, der den Anfang der Lebensendlichkeit markiert. Wie wollten Sie, wie wollte ich mich wohl in dieser Zeit begleitet wissen? Welche Ihrer Werte wollten Sie in dieser Phase des sterbenden Lebens verwirklicht wissen?