Von Hexen und Tornados

Bedrohungen sind allgegenwärtig. In den Medien reihen sie sich auf wie an einer Perlenkette, erst ein Beben, dann Terror, dann Tsunami, ein Super-Gau, ein Brückenzusammenbruch, Brexit, dann wieder Terror … die individuelle Wahrscheinlichkeitsrechnung führt letztlich dazu, dass einige Menschen nicht mehr Schweinefleisch essen, sich beim public viewing den Fußball anschauen oder die Türkei als Reiseland meiden.

Was heute die Medien übernehmen, war früher einmal mit dem Glauben an Gestirne verbunden.Unglücke, ob zwei Menschen zueinander passen oder auch nicht – für vieles wurden Sterne befragt. Noch weiter zurück in der Geschichte wurden böse Geister für das Ungemach der Welt verantwortlich gemacht. Manchmal in Gestalt von Hexen – fünf Millionen Frauen galten derart als Risiko, dass sie über die Jahrhunderte hinweg ihr Leben lassen mussten, anfänglich initiiert durch den Klerus, ab ca. 1520 auch durch die weltliche Gerichtsbarkeit.

Gut, der Hexenglaube ist heute nicht mehr allzu weit verbreitet, viele Menschen haben jedoch durchaus die Hoffnung, dass es eine Art Schutzengel und so etwas wie ein individuelles Schicksal für sie gibt. Gustav Mahler komponierte deshalb keine 9.Symphonie, da viele andere Komponisten wie etwa Beethoven nach der ‚Neunten‘ verstarben. Zu dumm, nach seiner zehnten, die an sich seine Neunte war, verstarb auch er.

Andere Menschen sind da schon risikofreudiger. Tornadojäger in den USA [und vermutlich auch bald bei uns], Glotzer auf der Autobahn [die dann aber oft selbst Schaden nehmen, weil sie Unfälle provozieren], Schönheits-OP-Junkies, Autojagden in Großstädten und – natürlich – die Anhänger diverser Extremsportarten – der Glaube daran, dass über den Kitzel hinaus die Lage wohl schon beherrschbar sei, greift immer mehr um sich. Ob der Grund darin zu finden ist, dass wir an sich in einer [noch hinreichend] sicheren Gegend der Welt leben? Viktor Frankl wusste bereits: In Kriegszeiten gibt es keine Neurosen. Dann gehts ums Überleben. Sicherheit und Neurose scheinen eine seltsame Liaison einzugehen.

Aus der Luftfahrtforschung ist bekannt, dass der Grad an Sicherheit für andere wie für die eigene Person zunimmt, wenn die handelnden Piloten, Techniker, Ingenieur usw. davon ausgehen, dass einzig ihre Eigenverantwortlichkeit für das Ergebnis zählt. Sind die Akteure jedoch schicksalsgläubig, dann steigt die Unsicherheit um das Zehnfache. Die Sicht auf die Welt hat also einen unmittelbar Einfluss auf das Risikoniveau. Wir leiten hieraus ab, dass die Eigenverantwortlichkeit im Kontext der individuellen Krisenprävention dazu dient, den Grad an Sicherheit deutlich zu erhöhen. Der Glaube daran, das ‚wenn das Schicksal es will, es ohnehin passiert‘, erhöht jedoch das Risikoniveau immens. Andersherum: wer sich Schicksalsfantasien hingibt, investiert nicht in Prävention.
Eigenverantwortlichkeit ist dabei nicht gleichzusetzen mit Selbstbestimmung. Bei letzterer denkt die Person, die Regeln des Handelns selbst setzen zu können. Ist eine Person davon überzeugt, so steigt das Risikoniveau – von Dränglern auf der Autobahn ist dieses Verhalten nur zu gut bekannt.

Auf einen kurzen Nenner gebracht kann man vermuten, dass Menschen, die über eine reflektierte Weltsicht verfügen, in der das Bewusstsein für erforderliches Handeln unter Unsicherheit entwickelt und die Eigenverantwortlichkeit des eigenen Handelns als Erfordernis akzeptiert sind, über ein höheres Grad an Risikohandhabungskompetenz verfügen als andere.