„Murphys Law von Andreas.“ Dokumentation eines Manager-Coachings bei einer multiplen Krise – Teil 2

Fortsetzung vom 1. August 2016

„Ich denke nicht, dass die Entwicklung der vergangenen zwei Jahre ein Produkt zufällig sich aufgereihter Einzelprobleme ist. Wenn ich da etwas in mir habe, was sich als Muster immer wieder zeigt und mir nun in meinem Leben mehr schadet als nützt, dann möchte ich diese Unbekannte jetzt kennenlernen und entsprechende Veränderungen einleiten.”

Seine Bereitschaft, einen Lernprozess in Gang zu bringen, sehe ich durch die Lebensgefahr seines Sohnes als fragil an. Jederzeit könnte eine Veränderung unsere Zusammenarbeit beeinflussen und zudem wäre im Fall des Todes von Tim eine akute Belastungsreaktion mit
psychischen Folgeschäden nicht auszuschließen – und dies nicht erst aufgrund des ohnehin massiven Belastungsgrades. Ich frage Herrn Vermont, wie er die gesundheitliche Situation seines Sohnes einschätzt, und er antwortet, dass er um die ärztliche Kunst wohl wüsste, er aber natürlich auch schon an dieses Szenario gedacht habe, zudem aber auch daran, was geschähe, würde sein Sohn dauerhafte Schäden davontragen. „Noch habe ich für eine solche Situation keinen Plan“,
meint Vermont und ich sehe ihm an, dass die Vorstellung einer solchen Eskalation an ihm nagt.

Ich entschließe mich dazu, Herrn Vermont über die Symptome einer möglichen akuten Belastungsreaktion wie zum Beispiel emotionale Taubheit, fehlendes Trauernkönnen, Desorientierung, Gedächtnisstörungen oder starke Erschöpfung zu informieren und ihm deutlich zu machen, dass eine solche Reaktion einerseits völlig angemessen wäre, er andererseits durch die schnelle kommunikative Aktivierung ihm vertrauter Personen für Entlastung sorgen könne.
Ich frage ihn nach Menschen, die er wohl um unaufgeregten Beistand ansprechen könnte, und er benennt zwei Freunde und einen ihm gut bekannten Lehrer seines Sohnes. Wir besprechen, wie diese drei Personen zeitnah von ihm über die aktuelle Situation informiert werden.

Dem Wunsch von Herrn Vermont, dass er auch mich zwischen unseren terminierten Gesprächen anrufen möchte, komme ich entgegen und notiere ihm eine Mobilnummer, über die gewährleistet wird, dass er innerhalb weniger Stunden einen Rückruf von mir erhält.

Auf seinen Entwicklungswunsch zurückkommend, lade ich Andreas Vermont ein, mit mir einen Waldspaziergang zu unternehmen, um auf diesem Weg die Zielrichtung unserer Zusammenarbeit noch genauer zu erkunden und dabei auch ihn und seine bisherigen Lebensetappen kennen zu lernen. Unsere Coaching- und Therapieräume, die ‚Denkkiste‘ und die ‚Sinnkiste‘, liegen mitten im Grünen, der angrenzende Wald bietet sich an für ein Gespräch in Bewegung. Dass Klient und Coach nebeneinander gehen und der Blickkontakt dabei nicht permanent gegeben ist, hat sich schon oft für einen Öffnung fördernden Arbeitsschritt als vorteilhaft erwiesen. Klienten, die sich in einer für sie hilflosen, demütigenden oder kränkenden Situation befinden, können die Geschwindigkeit der Bewegung bestimmen, anhalten, pausieren und eben auch entscheiden, wann sie ihren Gesprächspartner anschauen. Einzig für die Wahl des Weges bleibe ich in der Verantwortung, um in angemessener Nutzung der zeitlichen und körperlichen Ressourcen diesen Prozessschritt durchzuführen und zu beenden.