„Murphys Law von Andreas.“ Dokumentation eines Manager-Coachings bei einer multiplen Krise – Teil 3

Fortsetzung vom 4. August 2016

Herr Vermont erzählt mir die Wegstrecken seines Lebens. Als Erstgeborener einer Rheinländerin und eines Kanadiers und als Bruder zweier weiterer Geschwister verbrachte er die ersten zehn Jahre in Kanada. In der Nähe Montreals hatte die Familie ein Haus und eine Umgebung mit
allem, was ein gutes Aufwachsen von Kindern ermöglichte. Andreas wurde dreisprachig erzogen, da sein Vater die englische und französische Sprache sprach. „Mutters Deutsch schwankte hingegen zwischen Hochdeutsch und Kölsch, und Kölsch sprach sie meistens dann, wenn sie sich mit meinem Vater über irgendetwas stritt. Unsere Welt war stabil, ich hatte Freunde, meine Geschwister und ich verstanden uns gut.

Mein jüngerer Bruder erkrankte an Leukämie, als er acht Jahre alt war. Damals waren wir gerade nach Deutschland umgezogen, weil mein Vater in einem Industriekonzern eine Aufstiegsposition angeboten bekommen hatte. Über mehrere Jahre ging die Tortur meines Bruders, die er aber glücklicherweise überstand und bis heute gesund ist. Damals habe ich ihn manchmal sogar etwas beneidet dafür, dass er so oft im Mittelpunkt stand. Unsere kleine Schwester hatte altersbedingt ohnehin die Aufmerksamkeit gepachtet und so blieb für mich die Bronze-Medaille übrig. Andererseits wurde ich dadurch, dass die beiden diese Plätze einnahmen, recht schnell selbstständig. Ich war gut in der Schule und machte allein darum schon wenig Arbeit. Ich trug mit 14 in der Nachbarschaft Zeitungen aus, jobbte immer wieder in den Ferien, besuchte alleine unsere Verwandten in Kanada, hatte meine Kumpel im Handballverein. Dort wurde ich Lucky Luke genannt, weil ich schneller werfen konnte als mein Schatten – Andreas Vermont lacht –, mein
Fahrrad war mein Jolly Jumper und überhaupt war die Zeit recht voll mit allerlei jugendlichem Flachs. Zwei Freunde von damals treffe ich heute auch immer wieder einmal und natürlich auch Sabine, meine erste Freundin, die mich in Museen schleppte, weil sie Kunst studieren wollte. Heute ist sie Zahnärztin – aber das ist ja auch nicht selten eine Kunst.

Als ich mein Abitur machte, fragte mein Vater mich, was ich denn nun machen wolle. Da ich wegen meines kanadischen Passes nicht zur Bundeswehr musste, hatte ich alle Freiheiten. Und weil mir die Mathematik immer das liebste Fach in der Schule war, bewarb ich mich in Hamburg an der Uni und begann dort auch das Studium. Dort lernte ich meine spätere Frau kennen, wir heirateten 1995 und ein Jahr darauf kam dann Tim zur Welt, zwei Jahre später unsere Tochter Melanie
.
In der Spedition, die die Eltern meiner Frau hatten, konnte ich schon während des Studiums arbeiten und ich entwickelte einige Steuerungssysteme, die die Kostenstruktur der Firma verbesserten. An sich fing ich dadurch Feuer, denn ich sah, wie sich Studium und Anwendung
und Geldverdienen und Lernen kombinieren ließen. Erstaunliche Ähnlichkeiten waren das zum Werdegang meines Vaters, der als Ingenieur auch eine solche Mixtur aus Theorie und Praxis schon recht früh praktizierte. Denken und Tun und dann wieder Denken, so war das bei ihm.
Erst tun und dann denken, das ist auch nicht mein Ding, und darum hat auch meine Frau, die sich vor einiger Zeit an den Hals dieses Mannes warf, der ihr wohl schönere Augen als ich machte, einige Fragen in mir aufgeworfen. Aber damit bin ich nun durch, die Probleme heute sind andere, auch wenn es mir sicher besser ginge, wäre ich wieder in einer Beziehung, in der es möglich wäre, sich auszutauschen und gemeinsam das Boot durch die Strömung zu führen.”