„Murphys Law von Andreas.“ Dokumentation eines Manager-Coachings bei einer multiplen Krise – Teil 9

Fortsetzung vom 25. August 2016

„Vermutlich lehnen mich mehr Menschen ab, als ich bisher gedacht habe. Oder sie gehen mir aus dem Weg, ohne dass ich es bemerke. Mein Verhalten ist jedenfalls sehr eingeschränkt, wenn ich dieses Werteverhältnis sehe.”

„Sie meinen also, Sie werden von Menschen wegen Ihres Verhaltens abgelehnt?”, frage ich. – „Ja, das ist wohl so”, bestätigt Herr Vermont. „Ich möchte Sie fragen, was genau Sie über sich aussagen, wenn Sie meinen, dass Sie abgelehnt werden?” – „Nun, ich bin besorgt, weil ich jetzt sehe, wie kalt und nüchtern ich bin.”

„Aha, dann frage ich Sie jetzt: Ist das wahr?” Andreas Vermont hält kurz inne und meint: „Ja, den Eindruck habe ich.”

„Können Sie mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?”, fordere ich ihn mit dieser Frage heraus, die sich an Byron Katies Methode ‚The Work‘ orientiert. „Also, in absoluten Größen denke ich nicht.”

„Was passiert also, wenn Sie diesen Gedanken ‚glauben‘?” – „Dann zieht es mich herunter, ich fühle mich schlecht. An sich gebe ich jetzt eine recht traurige Figur ab.”

„Wer wären Sie ohne diesen Gedanken?” – „Dann wäre ich der, den ich kenne. Einer der lernt, denkt, handelt und sich am Leben freut.”

„Gut, dann haben Sie ja jetzt die Wahl. Wollen Sie einer mit oder ohne diesen Gedanken, an den Sie glauben, sein?” Herr Vermont lächelt: „Okay, begriffen. Da hätte ich mir ja glatt selbst eine Falle gestellt. Aber soll ich denn auf Feedback nicht mehr eingehen?”
„Doch, aber ich empfehle, ein Feedback nicht kategorial, sondern dimensional zu verstehen. Wenn ein Feedback nicht als Fixierung einer Zuschreibung, sondern als Anregung zu einer Verbesserung verstanden wird, dann können Sie in Eigenverantwortung dimensionieren, welches Verhalten noch im Einklang mit Ihnen steht und welches nicht.”

Ich berichte Herrn Vermont von einem Klienten, der in einem amerikanischen Konsumgüterkonzern arbeitete und mit einem Ordner voller Feedbacks der vergangenen Jahre ins Coaching kam. Dieser Mann hatte das Problem, im jüngsten Feedback durch seinen neuen Vorgesetzten eine Bewertung mit der dringenden Empfehlung erhalten zu haben, sein Verhalten in einer bestimmten Richtung zu entwickeln. Ebendieses Verhalten zeigte der Klient jedoch bereits vor Jahren – und dies war schwarz auf weiß sogar dokumentiert – und erhielt damals von seinem früheren Vorgesetzten die Rückmeldung, er solle bitte sein Verhalten in besagter Weise neu ausrichten. Er tat dies und wurde nun durch den neuen Vorgesetzten kritisiert, der die entsprechende Rückmeldung des Klienten dazu nur kurz mit ‚Die Zeiten ändern sich nun mal‘ kommentierte.

„Ein solches Hin- und Hergerissenwerden wird es bei mir sicher nicht geben. Ich halte es da mehr mit Heinz-Rudolf Kunze, den ich sehr schätze …” Herr Vermont zitiert dazu diesen kurzen Liedtext:
„Ich geh meine eigenen Wege,  ein Ende ist nicht abzusehn. Eigene Wege sind schwer zu beschreiben, sie entstehen ja erst beim Gehen.… Dazu haben sich für mein Leben einfach einige meiner Standpunkte so bewährt, dass ich sie nicht preisgeben werde. Dass ich einen solchen Schritt eben fast zugelassen habe, erstaunt mich selbst. Vielleicht wird man im Stress für solche Gedankenspiele empfänglicher? Mir ist aber nun klar, in meiner weiteren Entwicklungsarbeit geht es mir weniger um eine Arbeit am Inhalt als vielmehr an der Form. Es geht mir nicht um ein ‚weniger von‘, sondern um ein ‚ergänzend um‘.”

„Gut, dann nehme ich jetzt auch diese Perspektive ein und denke, dass es für Sie ein passender Schritt wäre, wenn Sie für sich herausarbeiten würden, welche Werte Sie gerne ergänzend entwickeln möchten, um für sich selbst und nicht aufgrund von Erwartungen anderer einen Beitrag für ein gelingendes Leben zu leisten, das vor Ihnen liegt.”

Andreas Vermont schaut B5sich sein Werteschema eine Weile an und meint dann: „Alleine das Wort ‚Unbeschwertheit‘ zu lesen, tut mir schon gut. Und ‚Eintracht‘ auch. Über ‚Vertrauen‘ muss ich erst noch nachdenken, aber da rührt sich auch etwas in mir.”