„Murphys Law von Andreas.“ Dokumentation eines Manager-Coachings bei einer multiplen Krise – Teil 1

Als Andreas Vermont das Gespräch mit mir sucht, liegt die Trennung von seiner Frau 17 Monate zurück. Der Motorradunfall seines ältesten Sohnes, bei dem dieser sich schwere Verbrennungen zuzog und seither auf der Intensivstation einer Spezialklinik, noch in Lebensgefahr schwebend, im künstlichen Koma liegt, geschah vor knapp drei Wochen. Der fast 17-jährige Tim, der im Zuge des Scheidungsprozesses die Entscheidung traf, bei seinem Vater bleiben zu wollen, wurde seither von Herrn Vermont alleine ‚gecoacht‘. Als ein Freund von Tim den Vorschlag zu einem Kurzurlaub machte und anbot, Tim auf seinem Motorrad mitzunehmen, war Andreas Vermont einverstanden. Er selbst hatte früher gerne auf diese Weise Reisen unternommen, Tims Freund war ihm gut bekannt und hatte nicht den Ruf eines ‚Draufgängers‘ auf seiner Maschine. Die Polizei sollte dies bestätigen, als sie Herrn Vermont vom Unfall berichtete. In einem Tunnel in den Schweizer Alpen
hatte sich ein Unfall zwischen zwei PKWs ereignet, in den dann auch ein Kleinbus verwickelt wurde und auf diesen letztlich Tim und sein Freund auffuhren. Durch den Unfall entstandener Rauch hatte plötzlich die Sicht genommen, sich entzündendes Benzin des Kleinbusses war dann der Auslöser für den Brand, der zwar von anderen Beteiligten schnell gelöscht werden konnte, jedoch zu den starken Verletzungen von Tim führte.

Andreas Vermont war erst vor kurzem in einem börsennotierten Mittelstandsunternehmen
zum Technikvorstand avanciert. Seinen analytischen Blick für die Problemzonen eines Unternehmens hatte er zuvor als Chefcontroller in einem Konzernumfeld zum Einsatz gebracht, ihm lief der Ruf eines Machers voraus, der durchaus in der Lage sei, mit klarer Kante zu entscheiden. In den vergangenen Wochen jedoch braute sich eine Wetterlage gegen ihn zusammen, seine ‚strapazierende‘ Handlungsgeschwindigkeit wurde kritisiert, seine Informationspolitik ebenso. Gesamtbetriebs- und außerordentliche Aufsichtsratssitzungen
beschäftigten sich auf Geheiß der Arbeitnehmervertretung mit seiner ‚Personalie‘ und Andreas Vermont fand sich innerhalb kürzester Zeit einer Belastung ausgesetzt, die er nun mit hörbarem Galgenhumor als ‚Murphys Law of Andreas‘ titulierte.

Die Scheidung von seiner Frau, die Trennung von seinem früheren Unternehmen, die ernste Gesundheitsgefährdung seines Sohnes, das aktuelle Alleinsein, die geschäftliche und arbeitsinhaltliche Neuorientierung, die durch die Scheidung und den Umzug realisierten finanziellen Veränderungen, die latenten Vorwürfe der Ex-Frau in Bezug auf die Freigabe des Motorrad-Urlaubs, die neue Wohnung, die neue Struktur des Freundeskreises, das neue Kollegium, die mangelnde Erholung und viele weitere Einzelthemen hatten die Summe der Belastungen in einen Bereich entwickelt, der die Dekompensationsgrenze bereits zu überschreiten drohte. Die sich abzeichnende zusätzliche Berufsproblematik war letztlich zu viel für den 43-Jährigen, dessen Lebensphase geprägt ist durch die Klärung der Fragen nach der Ausgestaltung der zweiten Lebenshälfte, der Fragen nach Lebenssinn und Lebensauftrag.

Für die aktuelle Situation gab es für Andreas Vermont kein Vergleichsmodell, die durch sie aufgeworfenen Aspekte galt es nun zu integrieren. Einen Teil des Lernprozesses wollte Herr Vermont durch ein Coaching begleitet wissen und ich hatte den Eindruck, dass es ihm nicht nur um eine Reflexion der Berufssituation ging, sondern um einen bewusst vollzogenen seelisch-geistigen Entwicklungsweg im ‚aufsteigenden‘ Sinne.

B1

Grafik nach B. Lievegoed

Wird fortgesetzt.