„Murphys Law von Andreas.“ Dokumentation eines Manager-Coachings bei einer multiplen Krise – Teil 7

Fortsetzung vom 18. August 2016

Herr Vermont wollte nicht einem Phantom nachjagen, er wollte sich auch nicht ‚erklären‘ müssen – „Wer hat denn hier nun eigentlich das Problem?” – und doch wusste er, dass ohne aktive Schritte von ihm die Situation nur schlecht aufzulösen war. So schlug ich ihm vor, die Struktur seiner Kommunikationsbedürfnisse genauer anzuschauen. Zum einen hatte er offenbar kommunikative Muster, die in Teilen des Unternehmenssystems als Belastung empfunden wurden, zum anderen
war klar, dass der Zugang zu diesen belasteten Personen nur kommunikativ vorgenommen werden konnte. Würde es ihm also gelingen, eine ‚Sprache zu sprechen‘, die anschlussfähig wäre mit den Bedürfnissen der belasteten Personen, dann könnte dies zu einer Entlastung führen,
von der auch er profitieren sollte.

Herr Vermont war einverstanden und nutzte das Angebot, eine Auswertung des Fragebogens des ‚Prozesskommunikationsmodells‘ [PCM] zu erhalten. Dieses Verfahren, das auf der Transaktionsanalyse von Eric Berne fußt, misst die Anteile von sechs Kommunikationsbedürfnissen, die jeder Mensch besitzt, die aber individuell in den ersten Kindheitsjahren mal mehr, mal weniger entwickelt werden. Das Modell postuliert, dass die Reihenfolge der sechs Kommunikationsweisen über das ganze Leben hinweg unverändert bleibt, lange andauernde Belastungsstress-Kontexte jedoch dazu führen können, dass ein bis dato vorherrschendes Kommunikationsmuster zugunsten des nächststärkeren zurückgestellt wird.

Hinter diesem Phänomen steht die ‚Psycho-Logik‘, dass es der Person offenbar nicht gelungen ist, im Stresskontext ihre Kommunikationsbedürfnisse befriedigt zu bekommen. Anstatt nun in diesem Muster leidend zu verbleiben, bietet es sich an, ein anderes ‚Register‘ zu ziehen und es mit einer Veränderung des kommunikativen Verhaltens quasi ‚neu zu versuchen‘.
Das Auswertungsergebnis zeigt für Herrn Vermont ein – wie von mir auch vermutet – stark ausgeprägtes Logiker-Bedürfnis an, also eine Kommunikation, in der es vorwiegend um Sachverstand, Informations- und Gedankenaustausch und profunden Wissenstransfer geht.
PCM-wordpress
Herrn Vermont wird deutlich, dass sein Streben nach Befriedigung seiner Logiker-Bedürfnisse derzeit erschwert wird. Unklarheiten, Gerüchte, Unwägbares oder diffuse und zusätzlich emotionalisierte Behauptungen sind für ihn nicht erträglich und bewirken ein hohes Maß an Frustration. In Ergänzung mit dem ebenfalls stark entwickelten Machermodus entsteht in Belastungssituationen bei Herrn Vermont eine wuchtige Reaktionsweise aus Grübelei, Tatendrang, Lösungsfokus,Hineinsteigern, Hektik und latenter Abwertung des Umfeldes. Wird der Kontext beeinflusst durch Menschen, die zum Beispiel als ‚Empathiker‘ wesentlich stärker als er über Gefühle sprechen oder als ‚Beharrer‘ ihr Bedürfnis nach Meinungsbildung und Akzeptanz ihrer Überzeugungen und Wertmaßstäbe in den Vordergrund stellen, dann kann dies in Gesprächsprozessen dazu führen, förmlich ‚aneinander vorbei zu sprechen‘.

Würde es Herrn Vermont jedoch gelingen, im relevanten Moment die Sprache seines Gegenübers zu sprechen, einem Empathiker also im Gespräch zu geben, was dieser braucht, einem Beharrer das, was dieser braucht usw., dann sollte sich über diese auf Achtsamkeit und Wertschätzung beruhende ‚Anstrengung‘ auch eine Entlastung in der jeweiligen Beziehung ergeben, wenn sich diese bislang als schwierig erwiesen hat.

Durch die Organisationsaufstellung hatte Herr Vermont zwei Repräsentanten mit ihrer kritischen Position deutlich wahrnehmen können. Zudem hatte er nun einige Hintergrundinformationen erhalten. Zusammen mit den Informationen über die verschiedenen Kommunikationsbedürfnisse
konnten wir nun in einer Coachingsequenz konkret erarbeiten, wie er das Gespräch zu diesen beiden Akteuren in seinem Unternehmen initiieren und gestalten konnte. Dazu nahm ich die Rolle
der Personen ein und Herr Vermont übte sich in seiner Herangehensweise, nachdem er reflektierte, dass einer der beiden Personen für ihn nach Erinnerung einiger Situationen deutliche Konturen einer Beharrer-Macher-, der andere einer Beharrer-Empathiker-Prägung aufzeigte.