Systemtheoretischer Sinnbegriff versus Sinntheoretischer Sinnbegriff im Zusammenhang mit Krise

Systemtheoretischer Sinnbegriff

Nach der Betrachtung des transzendenten Sinnverständnisses bei Frankl kommt nun die systemtheoretische Perspektive in den Vergleich. Machen wir es konkret: Die Akteure in einer Krisenberatung bilden als geschlossene, selbstreferentielle, autopoietische Systeme Operationen aus, die hier Sinnsysteme genannt werden sollen.

Anders als bei der Diskussion um den je individuellen Grad eines Sinns im Leben, der in Krisensituationen bis hin als nicht mehr gegeben interpretiert wer­den kann, gilt es hier, den formalen, nicht in Frage zu stellenden Sinnhorizont zu beschauen, den die Akteure mit ihren je eigenen Sinnsystemen aufspannen.

Dabei soll in diesem Zusammenhang die Perspektive Luhmanns fokussiert aufgegriffen werden, da dieser – ebenso wie Frankl dem Reduktio­nismus kritisch gegenüber stehend – dem Gedanken widerstrebte, die Konstruktion von Wirklichkeit sei durch individuelle personale Entscheidungen frei wählbar. Betont Frankl aus seiner psycholo­gischen Sicht, dass der Mensch nicht frei sei von Bedingungen, hingegen frei, sich zu ihnen so oder so zu stellen, sagt Luhmann, dass die Vorstellungen eines Menschen im Sinne seiner Weltanschauungen „durch die Teilnahme an gesellschaftlichen Kommunikationszusammenhängen dermaßen sozialisiert [sind], daß nur die Entscheidungsfreiheiten bestehen, die gesellschaftlich verständlich gemacht wer­den können“, mithin es etwas als gemeinsam Erkanntes gegeben sein muss, um Verständigung zwischen Menschen zu ermöglichen.

Luhmann postuliert, dass das Bewusstsein des Individuums als operativ geschlossenes autopoietisches System fungiert, das sich konfrontiert sieht mit einer Gesell­schaft, die „nicht mehr die Lösungsrichtung vor[zeichnet], sondern nur noch das Problem; sie tritt dem Menschen nicht mehr als Anspruch an moralische Lebensführung gegenüber, sondern nur als Komplexität, zu der man sich auf je individuelle Weise kontingent und selektiv zu verhalten hat.“

Das Bewusstsein kann somit verstanden werden als „eingebettet in soziale Systeme mit ih­rem sozialen Gedächtnis, der Kultur. Die jeweilige Kultur liefert die Texte, die als Irritation von Be­wusstseinssystemen selbstreferenziell verarbeitet werden. Die Strukturen einer Person, ihre Lebens­äußerungen, sind damit kulturell erzeugte Texte, die durch die autopoietische Organisation des Bewusstseins einer Person verarbeitet werden. Eine Person ist damit immer Bewusstsein plus Kultur“ und dabei stets „das Wesen, das sich frei macht von dem, wodurch es bestimmt ist.“

Während nun die psychischen Systeme als Bewusstsein fungieren, ohne dabei kommunizieren zu können, ist es bei sozialen Systemen geradewegs andersherum. Trotz der Unterscheidung zwischen psychischer [bewusster] und sozialer [kommunikativer] Realität ist zu beachten, dass sich Kommuni­kation wie auch Bewusstsein in ihrer jeweiligen Autopoiesis über den Aufbau und die Aktualisierung von Sinn herausformen. „Wenn man Sinn als etwas fasst, das soziale und psychische Systeme über­greift und verbindet, so kann Sinn nicht als Beziehung etwa eines Wortes zu seiner Bedeutung oder als Zeichen beziehungsweise als Regelsystem einer Zeichenverkettung angesehen werden. Da Erleben, Wahrnehmen, Kommunizieren, Handeln etc. nach Luhmann immer schon und auch ohne Zeichenverwendung als Sinnoperationen aufgefaßt werden müssen, sollte Sinn als laufendes Aktualisieren von Verweisungen verstanden werden.² [zit. nach H.Wasser]. 

Da eine Sinndefinition bedingen würde, zu wissen, worum es sich bei ‚Sinn‘ handelt, rät Luhmann dazu, Sinn phänomenologisch als differenz­losen, sich selbst immer mitmeinenden Begriff zu verstehen im Sinne eines Überschusses an Verweisun­gen von Aktualisiertem auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns: „Etwas steht im Blick­punkt, im Zentrum der Intention, und anderes wird marginal angedeutet als Horizont für ein Und-so-weiter des Erlebens und Handelns. Alles, was intendiert wird, hält in dieser Form die Welt im ganzen sich offen, garantiert also immer auch die Aktualität der Welt in der Form der Zugänglichkeit.“

Wenn ein psychisches System [im allgemeinen also Affekt und Kognition] nicht kommuniziert, dann steht hier in Frage, was einen Menschen einen erlebten Zustand als Krise vermitteln lässt. Für Luhmann wählt ein Ereignis einen Systemzustand aus und formt damit die Information ‚Krise‘. Eine Information rekurriert dabei auf eine gegebene Struktur und verändert diese. Die Information ‚Krise‘ kann somit als Ereignis verstanden werden, „das eine Verknüpfung von Differenzen bewirkt.“ Wird nun Sinn als laufendes Aktualisieren von Verweisun­gen verstanden und bewirkt ‚Krise‘ eine neue Verknüpfung von Differenzen, so bedeutet dies in diesem Zusammenhang, dass ein Mensch aus seinem ‚Verweisungshorizont‘ eine Selektion vornimmt, diese dann als Information [„Krise“] ‚zur Sprache bringt‘, sie einem anderen Menschen ‚mitteilt‘ und dieser nun aus seinem Verweisungshorizont mittels erhaltender Information seinerseits für sich eine neue Information formt und seinerseits eine Selektion vornimmt.

Da es in diesem Prozess weder eine kau­sale Sicherheit dafür gibt, dass der Informationsempfänger auf gleiche Weise wie der Sender selek­tiert, der Sender ferner auch keine Verstehensleistung beim Empfänger bewirken kann, kann Luh­mann vollzogene Kommunikation definierenals eine [immanent unwahrscheinliche] Synthese ver­schiedener Selektionen, als Synthese von Information, Mitteilung und Verstehen.“

Damit Kommu­nikation als realisiert angesehen werden kann, muss ein Verstehen gegeben sein – bei ‚dia-logischer‘ Kommunikation demnach ein gleichzeitiges Aktualisieren von Sinn, das aus der Selektion von Mitteilung und Verstehen besteht und gleichwohl auch die Option des Missverstehens offenhält, da die Vermutung, etwas missverstanden zu haben das Verstehen voraussetzt, etwas nicht verstanden zu haben. Implizit macht dieser Hinweis auch auf das Verhältnis zwischen Kommunikation und Be­wusstsein aufmerksam, denn obzwar Kommunikation Systeme, Bewusstsein, Sprache u.a. braucht, besteht sie doch „nicht aus dem, worauf sie angewiesen ist. Sie besteht aus der Einheit der Selek­tionen und findet eine dieser Selektionen nicht statt, so findet keine Kommunikation statt, auch wenn alle übrigen Bedingungen gegeben sind.“ [zit. nach H.Wasser]

Da hieraus unmittelbar folgt, dass nur Kommunika­tion kommunizieren kann, postuliert Luhmann weiter, dass was immer Kommunikation betreibt, Gesellschaft ist. Die über Kommunikation ausdifferenzierte Gesellschaft in einzelne ‚sozi­ale Systeme‘ führt ad ultimis jedoch nicht zum ‚System‘ Mensch, sondern für Luhmann zum ‚psychi­schen System‘ und zum ‚physischen System‘, die strikt getrennt voneinander operieren.

Das dem psychischen System zugeordnete Bewusstsein kann dadurch einen Beitrag zur Verständigung zwi­schen Menschen leisten, indem es eine Versprachlichung von mehr oder weniger ausgeprägten Wahrnehmungskompatibilitäten unter Einfluss eines gegebenen Mitteilungsdrangs vollzieht. Ein psy­chisches System kann somit die für Kommunikation erforderlichen Selektionen zwar ‚pertubieren‘, jedoch nicht sicherstellen, dass ein anderes psychisches System seinerseits diese Pertubationen als Informationen aus dem je eigenen Verweisungshorizont selektiert. Kommunikation ist somit allem Erleben psychischer Systeme gegenüber emergent.

‚Übersetzt‘ auf Frankl ist die Analogie, dass ein Mensch einem anderen keinen Sinn machen kann, diesem Gedanken entsprechend und im Kontext Krisentherapie oder Krisencoaching für die Zusammenarbeit mit einem Klienten bedeutend. Da individuelles Bewusstsein die psychische Dimension nicht ‚verlassen‘ kann, Kommunikation ihrerseits nicht ins Bewusstsein vorstoßen kann, verbleibt in der Pertubation die Möglichkeit, den Klienten zu einer selbstverant­wortlichen Sinnfindung anzuregen.

Im Sinne Frankls kann dabei das ‚Sinn-Organ‘, das Gewissen, als die Instanz interpretiert werden, die durch einen Sinnanruf – zum Beispiel im Rahmen eines sinn­zentrierten Gesprächs über die Biografie des Klienten – pertubiert wird.