Systemtheoretischer Sinnbegriff versus Sinntheoretischer Sinnbegriff im Zusammenhang mit Krise

Wenn nun für Luhmann Gesellschaft Kommunikation betreibt und diese damit die Möglichkeiten zur Pertubation des Verwei­sungshorizontes bereitstellt, so muss ‚Sinn als Substanz der emergenten Kommunikation‘ verstanden werden. Die geistige Dimension stellt hierfür bei Frankl die angemessene Parallele dar, während die Selbsttranszendenz einen Beitrag dafür leistet, quasi an anderer Stelle zu einer möglichen Pertuba­tion von Selektion zu führen.

Soll ‚Sinn‘ in dieser Weise zu Unterschieden führen, ein Klient durch gefundenen Sinn eine Veränderung in seinem Leben verantworten können, so scheint dazu die Bedingung ‚in Gesellschaft‘ zu kommen eine wesentliche zu sein. Alltagssprachlich mag die Empfehlung an einen Menschen, der sich in einer Belastungssituation sieht, ‚doch einmal unter Leute zu gehen‘ einen Hinweis in diese Richtung zu setzen – spiegelt er doch die Option wider, den Hori­zont der eigenen Verweisungen zu erweitern. Es liegt nahe anzunehmen, dass es dabei ratsam ist, die Nähe zu Leuten zu suchen, deren Interesse und Achtsamkeit in Bezug auf den aktuell gegebenen Verweisungshorizont gegeben ist.

Eine solche Form ‚sinngerichteter Kommunikation‘ ermöglicht dem Klienten sowohl Mehrdeutigkeiten und Perspektivenwechsel, die zu ihrer Justierung zum einen Klarheit in Bezug auf das individuelle Wertesystem und zum anderen aus Luhmannscher Sicht auch Zeit benötigen, weil: „Die Entfaltung von Sinn bedarf immer des Rückgriffs auf zeitliche Komplexität, und da Zeit immer begrenzt zur Verfügung steht, muß sich jede Sinn­operation entsprechend einschränken und ihre Selektionen wählen aus dem Sinnhorizont gerade deswegen diejenigen Verweisungen aus, die Selektionen ermöglichen, weil der Horizont unendlich ist. Wenn aber der Sinnhorizont unendlich ist, dann können die entsprechenden Selektionen nicht schon durch die Verwendung von Sinn konditioniert werden.“ Vielmehr scheint aus dieser Perspek­tive die Annahme gerechtfertigt, dass die Konditionierungen von Selektionen [Luhmann nennt diese ‚Struktur‘] durch die Systeme geschaffen werden.  Der Aufbau von Strukturen bedarf jedoch wiede­rum der Zeit, so dass ein Sinnhorizont nicht unabhängig von seiner Systemgeschichte gesehen wer­den kann, das heißt: „Er hängt von den bereits im und durch das Erleben gemachten Erfahrungen im Falle psychischer Systeme und von den bereits gemachten kommunikativen Erfahrungen im Falle sozialer Systeme ab.

Diese These steht nur bedingt im Einklang mit Frankl, und der dabei wohl größte Unterschied liegt in der Annahme, der Sinnhorizont sei unendlich. Frankl verweist bei seinen Ausführungen über die Ob­jektivität von Sinn auf Max Wertheimer, der bereits darauf hingewiesen habe, dass „jeder einzelnen Situation ein Forderungscharakter innewohnt, eben der Sinn, den die mit dieser Situation konfon­tierte Person zu erfüllen hat, und dass ‚the demands of the situation‘ als ‚objective qualities‘ anzu­sprechen sind.“

Hingegen, dass im Finden von Sinn die Struktur des Wertesystems – und mit die­sem das, was im gestrigen Beitrag ‚Systemgeschichte‘ genannt wurde – bedeutend ist, wird dadurch erhellt, dass „alles, was eine Sinnmöglichkeit darstellt, etwas Wertvolles sein muss und wenn das Wertvolle verwirklicht worden ist, Sinn erfahrbar ist.“

Wenn also Sinnfindung einhergeht mit Werteverwirk­lichung, dann kann der Sinnhorizont nicht unendlich sein, sondern muss sich an den Grenzen des individuellen Wertesystems orientieren. In concreto bedeutet dies auch, dass ein psychisches System nach einer Pertubation die hierdurch bewirkten neuen Informationen dann aus dem eigenen Verwei­sungshorizont selektieren wird, wenn diese anschlussfähig sind mit den Grenzen des eigenen be­wussten Wertesystems. Dabei gilt in Übereinstimmung mit Frankls ‚Sinn ist stets ad personam et ad situationem‘, dass „die Selektion, die ein Bewußtsein vornimmt, nur für dieses System gilt, sie läßt sich weder in die Kommunikation noch in ein anderes Bewußtsein übertragen.“ 

Für die opera­tive Arbeit in der Krisenberatung schwerwiegender ist jedoch, dass eine gegebene Anschlussfähigkeit einer Selektion ans Wertesystem eine sinnorientiert vollzogene Handlung nicht erzwingt. Während für Luhmann Handlungen allgemein durch Attribuierungen bewirkt werden und damit die Sinnbestimmung in die subjektive Verantwortung des Einzelnen gelegt wird, beruft sich Frankl auf die Verantwortung zur Selbstwerdung, wenn er sagt: „Ich handle nicht nur gemäß dem, was ich bin, sondern ich werde auch gemäß dem, wie ich handle.“ Und – detaillierter dargestellt: „Eine Handlung ist das Überführen einer Möglichkeit in die Wirklichkeit. Was die sittliche Handlung anbetrifft, läßt es der sittlich Handelnde bei der Einmaligkeit einer sittlichen Handlung nicht bewenden: er tut ein Weiteres, indem er den Actus in einen Habitus überführt. Was sittliche Handlung war, ist nun sittliche Haltung.“ Mit dieser eher moralisierenden These greift Frankl wesentlich weiter als Luhmann, der einen Handelnden als jemanden versteht, der auf Grund von Zwecken oder Präferenzen diskriminiert.