Systemtheoretischer Sinnbegriff versus Sinntheoretischer Sinnbegriff im Zusammenhang mit Krise

Heute und in den kommenden Tagen stelle in zusammenhängend zwei mir in meiner Arbeit als Therapeut und Krisencoach zentrale wissenschaftliche Positionen vor, die das Verständnis und den Umgang mit dem Begriff ‚Sinn‘ kennzeichnen. Eine der beiden Positionen nehme ich dabei selbst in meiner Arbeit beständig ein, die andere erlebe ich oftmals in meiner Klientel – zum Beispiel bei Menschen mit starkem technisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund. Dieser Text soll einen Beitrag dazu leisten, die eigene Haltung entsprechend transparent zu machen und indirekt auch auf die Schwierigkeit aufmerksam machen, die gegeben ist, wenn beide Positionen aufeinanderprallen und dialogisch nebeneinander gestellt und gewürdigt werden sollen.

Die beiden Positionen sind zum einen der systemtheoretische Sinnbegriff, hier insbesonders fokussiert auf Niklas Luhmann, zum anderen der sinntheoretische Sinnbegriff, den wir dem Gedankengut Viktor Frankls entnehmen.


Sinntheoretischer Sinnbegriff

Viktor Frankl macht in seiner Sinntheorie einen Unterschied zwischen dem Sinn des Lebens und dem Sinn im Leben. „Der Mensch ist immer schon ausgerichtet und hingeordnet auf etwas, das nicht wieder er selbst ist, sei es eben ein Sinn, den er erfüllt, oder anderes menschliches Sein, dem er begegnet. So oder so: Menschsein weist immer schon über sich selbst hinaus, und die Transzendenz [auf deutsch: Selbstvergessenheit, A.d.Autors] ihrer selbst ist die Essenz menschlicher Existenz“. Diese Haltung verweist zum einen auf einen Grundpfeiler des Bildes vom Menschen, der den Sinn als grundsätzlichen ‚Lebenssinn‘ als für den Men­schen zwar nicht erfahrbar, aber als per se und jederzeit gegeben ansieht. Und zum anderen auf den ‚Sinn im Leben‘, den der Mensch findet, indem er jede Situation als Person durch Verwirklichung seiner Werte gestaltet.

Die von Frankl zitierte Selbsttranszendenz erschöpft sich dabei nicht im bei Menschen so oft beobachtbaren ‚Über-sich-selbst-hinaus-Gehen‘ [wie wir es zum Beispiel in der grandiosen Hilfe der in unser Land kommenden Flüchtlinge, in der liebevollen Zuwendung von Menschen in Kliniken, Heimen oder Hospizen, in der permanenten Anstrengung von Menschen in Lehrberufen und vielen anderen Rollen in Familie und Beruf wahrnehmen können]. Frankl anerkennt auch die Möglichkeit, dass der Mensch sich auf einen personalen Gott hin transzendiert. Mit Verweis auf Max Schelers Impulse zur ‚Wertethik‘ und seine eigene religiöse Verankerung betonend [ohne diese als conditio sine qua non seiner Sinntheorie zugrundezulegen] sagt er, „sofern ich existiere, existiere ich auf Sinn und Werte hin; sofern ich auf Sinn und Werte hin existiere, existiere ich auf etwas hin, das mich selbst notwendig an Wert überragt, das wesentlich von höherem Wertrang ist als mein eigenes Sein – mit anderen Worten: ich existiere auf etwas hin, das auch schon kein Etwas sein kann, sondern ein Jemand sein muß, eine Person bzw. – als ein meine Person Überragendes – eine Überperson sein muß. Mit einem Wort: sofern ich existiere, existiere ich immer schon auf Gott hin.“ Allgemein gilt für Frankl „das eigentliche Sein des Menschen ist die Existenz, und der letzte Sinn des Lebens ist die Transzen­denz.“

Neben – erstens – der Transzendenz auf die ‚Welt‘, mit der Frankl das ‚Bei-Sein‘ und das ‚Bei-einander-Sein‘ in Form einer Liebe oder Hingabe auf Sachen, Dinge oder Aufgaben meint, formuliert er – zweitens – auch die Möglichkeit einer Transzendenz auf einen ‚Gott‘. In einer dritten Bedeutung steht Transzendenz für das Gerichtet-Sein des Menschen auf einen letztgültigen Wert, auf ein Absolutes also, sofern der Mensch nicht ‚Gott‘ als dieses Absolute begreift [z. B. individuell letzt-gültige Werte wie Freiheit, Ge­rechtigkeit oder Gleichheit]. In Gang gesetzte Sinnfindungsprozesse können somit in drei großen Transzendenzfeldern münden: In Liebe oder Hingabe, in einem Gott oder in einem Letztgültigen.

In der existenzphilosophischen Tradition Martin Heideggers – einem Weggefährten Frankls und deshalb an dieser Stelle erwähnt – besteht anders als bei Frankl kein Zusammen­hang zwischen Sinn und Werten. Für Heidegger ist Sinn dann gegeben, wenn sich etwas durch ver­stehendes Erschließen artikulieren lässt. Die Sinnhaftigkeit einer Handlung zu erfassen bedingt das Verständnis ihrer Auswirkungen, ihres ‚Woraufhin‘, Ziels oder Zwecks. Sinnvoll werden in diesem Kontext einzelne Prozesse, die mit einem ‚roten Faden‘ verbunden sind. Etwas ‚bloß Seiendes‘, zum Beispiel ein Telefon, hat an sich noch keinen Sinn, jedoch der übergeordnete Gesamtprozess, in den es eingebunden ist [im Telefon-Beispiel der allgemeine zwischenmenschliche Kommunikations­prozess]. Stimmt der Gesamtprozess mit dem entsprechenden Vorhaben des betreffenden Men­schen überein, werden der Zweck und das Ziel des Gesamtprozesses positiv bewertet und fördert der einzelne Prozess [Telefonat mit Person X] als Teil des Gesamtprozesses [Kommunikation im Allge­meinen] auf seine Weise das Erreichen des Endzieles [z. B. Kommunikation im Leben betrieben zu haben], dann erscheint dieser als sinnvoll.

Um einen sinnvollen Prozess in Gang zu setzen braucht es in diesem Kontext eine individuelle Moti­vation. Betrachtet ein Mensch zum Beispiel seine in der Sonne austrocknenden Pflanzen und kommt zum verstehenden Schluss, dass eine Wassergabe dienlich ist, dann wäre die darbende Pflanze ein ‚Motivgrund‘. Greift der Mensch nun handelnd ein, weil er um das Überleben der Pflanzen fürchtet, so erfüllt seine Handlung einen Zweck. Ist der übergeordnete Gesamtprozess [hier vielleicht die all­gemeine Sorge um das Wohl der Natur] vereinbar mit dem Vorhaben und Vorstellungen des Men­schen und bewertet der Mensch den Prozess positiv [im Sinne eines ‚es ist gut, sich um die Natur zu kümmern‘], dann entsteht im Verständnis Heideggers ein Sinn.

Ohne ‚logisches Verständnis eines Prozesses‘ scheint es in diesem Bild nicht möglich zu sein, Sinnhaf­tes zu begründen. Auch im existenzanalytischen Sinn Frankls spricht nichts dagegen, Sinn über diesen Weg einer logischen Herleitung zu finden – die Vorstellung jedoch, dass es eines solchen Weges zwingend bedarf, ist sinntheoretisch nicht haltbar. Um im Beispiel zu bleiben: Die darbende Pflanze setzt einen ‚Sinnanruf‘ in die Welt, unabhängig davon, welcher verständige Mensch auch immer ihre Situation wahrnimmt. Handelt aber nun ein Mensch und geschieht dies in Selbstvergessenheit, so könnte auf die Frage nach dem Grund seiner Handlung der Mensch sein Tun in den Kontext seiner Werte wie Naturverbundenheit, Achtsamkeit, Fürsorge rücken.

Durch Verwirk­lichung seiner Werte findet der Mensch den ohnehin bereits gegebenen Sinn in der Situation. Für diesen Menschen wird das Gießen ein ‚Akt der Selbsttranszendierung‘, zu einem geistigen Akt des Gewissens und nicht [nur] zu einem mentalen Akt des Wissens – es wird zu einer Selbst-‚verständlichkeit‘. Ob die Gieß-Handlung als zweckvolle ‚Arbeit‘ oder als selbstvergessene Hinwendung vollzogen wird: Beides mag den Pflanzen aktuell zu Hilfe kommen. Im Kontext ‚Krise‘ gilt es hingegen zu überprüfen, ob die Selbsttranszendenz als Kern der Sinntheorie Frankls in der Überwin­dung einer Krisensituation im Gegensatz zu einer rein ‚zweckdienlichen‘ Vorgehensweise einen besseren Dienst leisten kann. Dazu ist in Erinnerung zu rufen, dass für Frankl der Sinn dem Wollen als ‚Apri­ori‘ vorausgeht, denn „das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fra­gen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu ver-antworten hat.“

Frankl meint mit diesem Satz, dass der Mensch nur im Handeln seine Lebens­fragen beantworten kann. Das Verharren in der Erkenntnis reicht nicht aus, ebenso wenig der Ver­such – dem von Frankl abgelehnten Prinzip der Homöostase folgend –, mit einem künstlichen Gleichgewichtschaffen dem Sinnproblem aus dem Wege zu gehen. Wenn mithin Sinn als je konkreter Sinn in einer je konkreten Situation verstanden wird, dann folgt hieraus, dass das Sinn-Sollen außerhalb der eigenen Person liegt und damit eine Bewegung des Geistes erfordert. Diese Bewegung wird im Begriff der Selbsttranszendenz operationalisiert.

Eine Person kann nur dann ganz zu sich selbst kommen und sich erkennen, wenn sie ihren unikalen Sinn erfüllt und somit als ‚Nebenprodukt‘ sich selbst verwirklicht. „Aber nur in dem Maße, in dem der Mensch Sinn erfüllt, in dem Maße verwirk­licht er auch sich selbst: Selbstverwirklichung stellt sich dann von selbst ein, als eine Wirkung der Sinnerfüllung, aber nicht als deren Zweck.“ 

Zum in diesem Kontext relevanten Zusammenhang von objektivem und subjektivem Sinn meint Frankl: „Subjektiv ist der Sinn sofern, als es nicht einen Sinn für alle, sondern für jeden einen anderen Sinn gibt; aber der Sinn, um den es jeweils geht, kann nicht bloß subjektiv sein: er kann nicht bloßer Ausdruck und bloßes Spiegelbild meines Seins sein — wie der Subjektivismus und Relativismus es wissen und uns glauben machen wollen. Nun ist der Sinn nicht nur subjektiv, sondern auch relativ, will heißen, er steht in einer Relation zur Person — und zur Situation, in die ebendiese Person verwickelt und hineingestellt ist. In diesem Sinne ist der Sinn einer Situation ja wirklich relativ; er ist es bezüglich der Situation als einer jeweils einmaligen und einzigartigen. Die Person hat den Sinn der Situation zu erfassen und zu ergreifen, wahrzuhaben, wahrzunehmen und wahr zu machen, nämlich zu verwirklichen. Der Sinn ist also auf Grund seiner Situationsbezogenheit auch selber einmalig und einzigartig, und diese Einheit ‚des Einen, das not tut‘, macht dessen Transsubjektivität aus — macht aus, daß der Sinn nicht von uns gegeben wird, vielmehr eine Gegebenheit ist, mag deren Wahrnehmung und Verwirklichung auch noch so sehr der Subjektivität des menschlichen Wissens und Gewissens unterstellt sein. Die Fehlbarkeit menschlichen Wissens und Gewissens tut der Transsubjektivität des von menschlichem Wissen angepeilten Seienden und des von menschlichem Gewissen angepeilten Gesollten nicht Abbruch.“