Jüngst wurde ich von einem Patienten gefragt …

Kann ein Mensch wissen, ohne zu glauben?
Wie ist das bei Ihnen, meinem Therapeuten?

Zugegeben, an eine weise Gestalt mit weißem Bart konnte ich schon als Kind nicht glauben. Das Gerede vom Himmel nahm ich nicht ernst, die Hölle tauchte in meiner protestantischen Erziehung glücklicherweise gar nicht erst auf, erst recht nicht das ‚jüngste Gericht‘ oder ein Gott als strafende Instanz.

An sich fühlte ich mich frei, nicht im Sinne Nietsches, sondern eher in einer konstruktiven Naivität, die ein unbeschwertes Leben gut ermöglicht. Nun, der Zahn der Zeit ist auch an mir nicht vorbei gegangen. Mit Mitte 50 nehme ich andere Rollen ein, habe ich auch andere als erhoffte Lebenserfahrungen gemacht und nicht alle waren so, dass in ihnen konstruktive Naivität gefragt gewesen wäre.

All das, von dem ich meine, dass es mein besonderes Leben war, habe ich bislang gemeistert. Ich bekam, was ich wollte – zumeist jedenfalls. Mein Verdrängungskonto ist nicht besonders angefüllt – meine ich jedenfalls. Ich habe Menschen willentlich nicht enttäuscht oder verletzt – hoffe ich jedenfalls. Mit einem Streben nach dem Guten etwas zu tun, habe ich getan – denke ich jedenfalls. Vieles meines Lebens erinnere ich, vieles weiß ich. Aber was glaube ich?

Ich finde, dass ein Mensch ernsthaft sein Leben nur im Vertrauen auf seine eigenen Kräfte leben kann. Dieses Selbstvertrauen umfaßt für mich auch das Vertrauen in die Welt, Vertrauen in den guten Lauf der Dinge. Ob das die konstruktive Naivität ist, die ich meine zu leben? Wer kann mir schon garantieren, dass es gut wird? Trends, Vorhersagen und Zukunftsprognosen sicher nicht.

Im Kern kommt das Leben für mich stets von vorn, in aller Wucht und für mich mit einem fröhlichen Blick. Ich bin voller Zuversicht, etwas zu bewirken, etwas zu erreichen, einen Beitrag leisten zu können. Der Sinn in meinem Leben ist mir klar – ich weiß gerade jetzt um meinen Sinn. Das tut gut. Der gute Gott liegt für mich im guten Tun. Am Anfang ist das Wort – und Gott ist in der Tat – in der Tat, da ist Gott. Eine liebende Instanz, die Instanz des Sinns. Kommt der Sinn, geht die Suche, geht die Frustration, geht die Leere. Kommt der Sinn, kommt Vertrauen, kommt das uneingeschränkte Ja, der uneingeschränkte gute Wille. Dann ist Gott da. Das weiß ich, also kann ich auch glauben.