Ohne Worte

Der Vorstandschef eines großen Unternehmens ist zum Konzert eingeladen. Doch er kann zu Schuberts ‚Unvollendete‘ nicht gehen. Deshalb schenkt er die Karten seinem Personalchef.
Am nächsten Tag fragt er ihn, wie es ihm gefallen hat. Der Personaler antwortet: “Ich leite Ihnen meinen Bericht heute Nachmittag zu!“ Darin stand: Die vier Oboisten hatten über einen längeren Zeitraum hinweg nichts zu tun. Ihre Anzahl sollte gekürzt und deren Aufgaben auf das ganze Orchester verteilt werden, damit Arbeitsspitzen vermieden werden. Die zwölf Geiger spielen alle die gleichen Noten, die Anzahl der Mitarbeiter in diesem Bereich sollte daher drastisch gekürzt werden. Sollte hier tatsächlich eine große Lautstärke erforderlich sein, so könnte dies mit einem elektronischen Verstärker erreicht werden. Das Spielen von Viertelnoten erfordert einen hohen Aufwand. Dies scheint mir eine übertriebene Verfeinerung zu sein. Ich empfehle daher, alle Noten auf nächstliegende Halbe aufzurunden und dafür Studenten und Mitarbeiter mit geringeren Qualitäten einzusetzen. Es ist wenig sinnvoll, die Hornisten Passagen wiederholen zu lassen, die Streicher bereits gespielt haben. Würden derlei überflüssige Passagen gestrichen, könnte das Konzert von zwei Stunden auf zwanzig Minuten gekürzt werden. Hätte Schubert dies alles beachtet, dann hätte er ohne Zweifel seine Sinfonie beenden können.

(leicht veränderter Text aus der FAZ vom 16.11.1981 !)